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Skandalisierung Ungewollte Nebenwirkungen

Mediale Übertreibungen können das Vertrauen in politische Systeme untergraben

29.08.2016
2023-08-30T12:30:06.7200Z
6 Min

Skandale fördern den Glauben an die Selbstreinigungskräfte der Gesellschaft, lautet die zentrale Behauptung der einflussreichsten Skandaltheorie. Die empirischen Daten sprechen eine andere Sprache. Seit den 1970er Jahren hat in Deutschland die Zahl der Skandale erheblich zugenommen, während das Vertrauen in die Politik, die Kirchen, die Wirtschaft, die Justiz und andere Institutionen geschwunden ist.

Wie lässt sich das erklären? Antworten geben Analysen der Unterschiede zwischen skandalisierten und nicht-skandalisierten Missständen; der Entwicklung der Häufigkeit von Missständen und Skandalen; der Mechanismen erfolgreicher Skandalisierungen sowie der Wirkung von Skandalberichten auf die Realitätsvorstellungen der Bevölkerung. Sie führen zu der Frage: Wie steht es um das Verhältnis von Ursachen, Mechanismen und Folgen von Skandalisierungen?

Merkmale Skandale beruhen auf der Empörung über tatsächliche oder vermeintliche Missstände. Ihr Ziel sind Aktionen auf Grundlage von Emotionen. Skandale weisen sechs Merkmale auf. Erstens: Bei dem skandalisierten Missstand werden Normen und Werte verletzt. Die sind verschieden. Deshalb konnte Gerhard Schröder (SPD) 1998 trotz einer relativ kurz zurückliegenden außerehelichen Affäre Bundeskanzler werden, während Bob Dole 1996 als US-Präsidentschaftskandidat in einem Skandal unterging, weil er 24 Jahre vorher eine außereheliche Affäre hatte. Zweitens: Der Missstand wurde durch Menschen verursacht. Ist er die Folge eines natürlichen Ereignisses oder Zufalls, wird er nicht zum Skandal. Deshalb konnte in Deutschland der Reaktorunfall in Fukushima zum Skandal werden, nicht aber der Tsunami, obwohl er weit mehr Menschenleben gekostet hat. Drittens: Die Verursacher der Schäden haben tatsächlich oder vermeintlich aus eigennützigen Motiven gehandelt. Deshalb wurde das finanzielle Gebaren von Bundespräsident Christian Wulff (CDU) zu einem Skandal, nicht aber das weitaus bedeutendere Versagen von Aufsichtsrat und Geschäftsführung der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH.

Viertens: Die Verursacher hätten anders handeln können. Deshalb wurde 1993 der von einem Mitarbeiter Chemie-Unfall bei der Hoechst AG zu einem Skandal, obwohl es weder Tote noch Verletzte gab, nicht aber der Unfall einer Lufthansa-Maschine in Warschau im selben Jahr als Folge von Scherenwinden, obwohl er zwei Menschenleben kostete. Fünftens: Die Medien stellen das Geschehen sehr intensiv und weitgehend übereinstimmend dar. Nur dann erreichen die Berichte sehr viele Menschen, erscheinen ihnen bedeutsam und rufen Empörung hervor.

Deshalb führte die Anprangerung des Plagiats von Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) zu einem Skandal, die diffuse Kritik an den pädophilen Selbstbekenntnissen von Daniel Cohn-Bendit (Grüne) dagegen nicht. Sechstens: Weil sich die Skandalisierten schuldig gemacht haben, müssen sie büßen. Die Größe und die Evidenz des Missstandes spielt dabei keine Rolle. Deshalb musste Sebastian Edathy (SPD) sein Bundestagsmandat aufgeben, während Cohn-Bendit den Theodor-Heuss-Preis erhielt.

Missstände Den meisten Skandalen liegen tatsächlich Missstände zugrunde, aber nicht alle Missstände werden zu Skandalen. Die größten Umweltskandale gibt es in Staaten, in denen die Umwelt am wenigsten geschädigt ist - den westlichen Industrienationen. Die größten Umweltschäden gibt es in Staaten, in denen es kaum oder keine Umweltskandale gibt - in den Ländern der Dritten Welt und China.

Zum gleichen Ergebnis führt eine chronologische Betrachtung: Die größten Umweltschäden gab es in Deutschland in den 1950er und 1960er Jahren, aber damals gab es keine Umweltskandale. Die meisten Umweltskandale gab es in den 1980er und 1990er Jahren als die Umweltbelastung bereits wesentlich geringer war. Das trifft in ähnlicher Weise auf politische Skandale zu. Sie häufen sich nicht in den Staaten mit den größten politischen Missständen, sondern in den Ländern mit den effektivsten und transparentesten politischen Institutionen. Daraus folgt: Es gibt einen kategorialen Unterschied zwischen Missständen und Skandalen. Deshalb kann man weder von der Größe der Missstände auf die Größe der Skandale schließen, noch von der Größe der Skandale auf die Größe der Missstände. Das führt zu der Frage: Wie werden aus Missständen Skandale?

Dramatisierungen Fast alle Skandale beruhen auf Übertreibungen. Dazu gehören Schmähbegriffe zur Herabsetzung der Skandalisierten ("Protz-Bischof"); Horror-Etiketten zur Erregung von Ekel und Empörung ("Gammelfleisch"); Katastrophen-Suggestionen durch die Darstellung großer Schäden ohne Erwähnung ihrer geringen Wahrscheinlichkeit (BSE/Rinderwahn); Katastrophen-Collagen durch nicht relativierte Vergleiche kleiner Schadenfälle mit Extremfällen (AKW Krümmel mit Tschernobyl) und Schuld-Stapelungen durch Reihung scheinbar ähnlicher Vorkommnisse, die alleine betrachtet nicht beachtenswert wären (Wulff).

Was ist die Ursache solcher Übertreibungen? Liegt es an einer Neigung von Journalisten zu Übertreibungen? Auskunft gibt eine Befragung von Redakteuren bei Tageszeitungen. Nur ein Viertel fand überspitzte Darstellungen akzeptabel. Eine allgemeine Neigung zur Dramatisierung besteht folglich nicht. Für etwa die Hälfte waren überspitzte Darstellungen "in Ausnahmefällen vertretbar". Der mit Abstand am meisten genannte Grund war "die Beseitigung eines Missstandes" - und genau darum geht es bei einem Skandal. Bei der Skandalisierung von Missständen halten etwa 70 Prozent Übertreibungen für vertretbar.

Nebenfolgen Die Bereitschaft zu Übertreibungen beruht auf einer Kette unausgesprochener Annahmen: Der Missstand muss tatsächlich so schwerwiegend sein, wie er den Journalisten erscheint. Das ist oft nicht der Fall. Seine publizistische Übertreibung muss die beabsichtigten Folgen besitzen. Das ist oft nicht vorhersehbar. Die Folgen müssen allgemein als positiv gelten. Das trifft oft nicht zu. Die Übertreibung darf keine unbeabsichtigten negativen Nebenfolgen besitzen. Das ist aber häufig der Fall. Zu den Nebenfolgen gehören die Irreführung des Publikums durch die übertriebene Darstellung von Gefahren, etwa durch Arznei- und Lebensmittel; die Verhaltenskonsequenzen solcher Irreführungen - emotionale Reaktionen wie die Nichteinnahme verschriebener Medikamente - sowie die gesundheitlichen und finanziellen Kosten der Verhaltenskonsequenzen.

In Deutschland erlitten aufgrund der Nichteinnahme von Psychopharmaka nach skandalisierenden Medienberichten etwa 28.000 Kranke in postklinischer Behandlung schwere Rückfälle; aufgrund falscher und übertriebener Warnungen brach beim EHEC-Skandal der Markt für mehrere Gemüsesorten ein und bedrohte die Existenz zahlreicher Landwirte, die die EU mit 227 Millionen Euro stützen musste. Zu den Nebenwirkungen dramatisierender Schadensdarstellungen gehören fragwürdige politische Entscheidungen wie der planlose Ausstieg aus der Kernenergie aufgrund ihrer Skandalisierung nach der Katastrophe bei Fukushima; fragwürdige juristische Praktiken wie das Ermittlungsverfahren gegen Wulff, das ihn als Verlier zurückließ, obwohl er freigesprochen wurde; schwindendes Institutionenvertrauen in Deutschland und den USA im Gefolge der zunehmenden Skandalisierung von Politikern. Das kann man nicht zweifelsfrei beweisen. Man kann aber ausschließen, dass die Skandalisierung von Politikern, wie einige Theoretiker meinen, das Vertrauen in politische Systeme stärkt.

Demokratie Unter welchen Voraussetzungen ist die Skandalisierung von Missständen sinnvoll und wann ist sie fragwürdig? Für ein rationales Urteil muss man zwei Faktoren beachten - das Ausmaß der skandalisierten Missstände und die Größe der negativen Nebenfolgen ihrer Skandalisierung. Dabei gilt: Je größer die Missstände sind, desto verdienstvoller ist ihre Skandalisierung. Je größer die negativen Nebenfolgen sind, desto fragwürdiger ist sie.

Betrachtet man auf der Grundlage dieser Annahmen die Entwicklung der Häufigkeit und Größe von Skandalen, kann man feststellen: Erstens, je größer Missstände im Laufe der Zeit werden und je geringer die Nebenfolgen sind, desto verdienstvoller ist ihre Skandalisierung. Ein Beispiel sind die zunehmenden Umweltschäden in den 1950er und 1960er Jahren und ihre Skandalisierung. Zweitens, je kleiner Missstände im Laufe der Zeit werden und je größer die Nebenfolgen sind, desto fragwürdiger ist ihre Skandalisierung.

Dabei kann ein Punkt erreicht werden, bei dem der Schaden der Nebenfolgen einer Skandalisierung größer ist als der Nutzen der Beseitigung der Missstände. Dieser Punkt ist in Deutschland unter anderem bei den meisten Umwelt-, Lebensmittel- und Pharmaskandalen längst überschritten. Das gilt auch für die meisten politischen Skandale. Deshalb sind die auf starke Emotionen und direkte Aktionen zielenden Skandalisierungen in entwickelten Demokratien nicht die Krönung des auf Informationen und Aufklärung setzenden investigativen Journalismus. Sie sind allenfalls frag- und begründungswürdige Ausnahmen.

Der Autor ist Professor für Kommunikationswissenschaften am Institut für Publizistik in Mainz.