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PREISE
Johanna Metz
Nach unten (fast) keine Grenzen

Die Verbraucher hierzulande haben sich an Billigst-Lebensmittel gewöhnt. Erzeugern fällt es schwer, überhaupt kostendeckend zu produzieren. Doch es gibt einen Gegentrend

1,09 Euro kosten zehn Eier aus Bodenhaltung derzeit bei Aldi Nord. Die Kilo-Packung Schweinehackfleisch gab es bei Netto vergangene Woche im Angebot für 3,39 Euro, 400 Gramm Hähnchengeschnetzeltes bei Lidl für 2,29 Euro - 17 Prozent günstiger als sonst. "Angebot der Woche" titeln die Discounter landauf landab, täglich warten neue Lebensmittel-Schnäppchen auf die Verbraucher. Als Aldi Süd zur Grillsaison 600 Gramm Schweinenackensteak für 1,99 Euro verramschte, platzte einem Anwalt auf Facebook der Kragen. "Ich bin kein ideologisch verblendeter Ökofaschist, aber das, was Ihr tut, ist einfach nur KRANK!!", machte er seinem Ärger Luft. "Das ist einfach nur billigster Dreck, für dessen Produktion alles und jeder bis zum Anschlag ausgebeutet wurde - am meisten die, die sich am wenigsten wehren können: die Tiere", wetterte er und erntete tausendfach Zustimmung. Die Welle der Erregung ebbte bald wieder ab, was blieb ist der Fakt, dass niemand in Deutschland für Grundnahrungsmittel tief in die Tasche greifen muss. Im Mai 2016 kam das Marktforschungsinstitut IRI zu dem Schluss: In keiner anderen Industrienation sind die Preise für Lebensmittel so niedrig wie in Deutschland. Der durchschnittliche Warenkorbwert lag hierzulande bei 21,01 Euro, in den USA, wo der Warenkorb am teuersten ist, waren es 31,54 Euro. Auch in Großbritannien, Frankreich und anderen EU-Staaten waren die Preise teils deutlich höher.

Sonderangebote "Deutschland ist das Land des Discounts", urteilt Handelsexperte Wolfgang Adlwarth vom Marktforschungsunternehmen GfK. Mehr als 40 Prozent Marktanteil hätten die Discounter hierzulande, mehr als in jedem anderen EU-Staat. "Sie setzen schon seit Jahren auf günstige Preise, Promotions und Sonderangebote und haben so dafür gesorgt, dass sich der Fokus der Verbraucher stark auf die Preise gelegt hat", sagt er. Die anderen Lebensmittel-Vertreiber hätten sich der Marktmacht der Konkurrenz beugen und ihre Preise ebenfalls senken müssen.

Leidtragende dieser Abwärts-Preisspirale sind die Bauern und Produzenten, die ihre Kosten oft kaum decken können. Für sie bleiben heute von einem Euro für verkaufte Tierprodukte nur noch 25 Cent übrig, rechnete der "stern" kürzlich vor. Vor 50 Jahren waren es noch 66 Cent.

Besonders schwierig ist die Lage beim Schweinefleisch: Ein kostendeckender Preis liegt hier bei etwa 1,60 Euro pro Kilo. 2014 und 2015 lag der durchschnittliche Verkaufspreis jedoch bei nur 1,38 Euro. Inzwischen ist er immerhin wieder auf 1,70 Euro gestiegen - wegen der wachsenden Nachfrage aus China.

Thomas Vogelsang vom Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie betont, dass die Preise für Schweinefleisch zwar auch von saisonalen Einflüssen, der Situation in den Exportmärkten und der Witterung abhängig sind, aber eben auch von der "hohen Präsenz der Discounter". Die Fleischproduzenten, erklärt er, "befinden sich in einer Sandwichposition zwischen wenigen großen Fleischlieferanten und den wenigen Einzelhandelsunternehmen", was zu einem hohen Wettbewerbsdruck führe. "Die Weitergabe steigender Produktionskosten ist daher oft nur unvollständig oder verzögert möglich." Im Klartext: In Krisenjahren zahlen die Schweinehalter nicht selten drauf. Höhere Umwelt- und Tierschutzstandards sind mit Dauer-Dumpingpreisen für Fleisch und Milchprodukte ohnehin nicht realisierbar.

Dass viele Verbraucher sich längst an die Supermarkt-Schnäppchen gewöhnt haben, zeigt die Aufregung, die einsetzt, wenn die Preise plötzlich steigen, so wie jüngst für Butter und andere Molkereiprodukte. In den vergangenen Wochen kostete ein Kilogramm Butter bis zu sieben Euro - vor einem Jahr waren es noch 4,50 Euro, und selbst das war ein vergleichsweise hoher Preis. "Butter kostet so viel wie nie - Lebensmittel werden immer teurer", titelte die Berliner BZ und sorgte sich um steigende Kosten auch für Torten und Eis. Der Münchner Merkur sprach von "absurden Preisen" und fragte: "Können wir uns Lebensmittel bald nicht mehr leisten?"

Tatsächlich sind viele Nahrungsmittel laut Statistischem Bundesamt binnen eines Jahres deutlich teurer geworden, auch Fisch (plus vier Prozent), Öle und Fette (plus 19,5 Prozent) und Fleisch (plus 1,4 Prozent). Dass sich Molkereiprodukte um ganze 10,5 Prozent verteuert haben, liegt unter anderem an der gestiegenen Nachfrage im In- und Ausland - Butter und fettigen Käse zu essen, ist gerade wieder "in". Außerdem fehlt es schlicht am Rohstoff, seit viele Milchbauern nach dem Wegfall der EU-Milchquote im Jahr 2015 die Produktion eingestellt haben. Zu viel Milch überschwemmte damals den Markt, die Preise sanken in den Keller, und mit ihnen der Profit der Bauern.

Für die verliebenen Milchbauern sind die aktuell hohen Butterpreise ein Segen; sie bekommen wieder rund 39 Cent pro Liter Milch, im Sommer 2016 waren es nur 23 Cent. Ludwig Börger vom Deutschen Bauernverband sagt dennoch: "Das gleicht die finanziellen Verluste der vergangenen Krisenjahre längst nicht aus." Eine der größten Herausforderungen für die Milchbauern sei nach wie vor "das Management von Preisrisiken, zum Beispiel durch die Preisabsicherung an Warenterminbörsen". Wichtige Anliegen seien zudem staatliche Instrumente, wie Direktzahlungen und öffentliche Interventionen. Damit könnten die Einkommen "zumindest auf sehr niedrigem Niveau abgesichert werden".

Sinneswandel Auf Verbraucherseite zeichnet sich immerhin ein Umdenken ab. Laut Ernährungsreport 2017 des Bundeslandwirtschaftsministeriums sind 88 Prozent der Kunden inzwischen bereit, mehr für Lebensmittel auszugeben, wenn die Tiere besser gehalten werden. In einer GfK-Umfrage gaben im Oktober 2016 53 Prozent der Verbraucher an, ihnen sei Qualität wichtiger als der Preis; 2006 waren es nur 42 Prozent. "Dass das nicht nur Lippenbekenntnisse sind, sehen wir auch am Einkaufsverhalten", sagt Handelsexperte Adlwarth. So wachse der Biomarkt deutlich schneller und es würden mehr nachhaltige Produkte gekauft. Allerdings, räumt der Konsumforscher ein, sei das auch der "ausgesprochen guten" Lage der Deutschen geschuldet. Sie könnten es sich derzeit leisten, mehr Geld für Lebensmittel auszugeben und ethisch-moralische Standards stärker zu berücksichtigen. Was, wenn es den Leuten wieder schlechter geht? Bei einer Rezession, vermutet Adlwarth, werden die Kunden doch wieder zu den Discounter-Schnäppchen greifen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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