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Claus Peter Kosfeld
Die Sorgen wachsen

In der Landwirtschaft werden Pestizide versprüht und Nitrate freigesetzt. Die Gesundheitsrisiken für Menschen sind nach Ansicht von Experten nicht zu unterschätzen

Von einer gesunden Landwirtschaft und Ernährung, sagen manche Fachleute, ist Deutschland noch weit entfernt. Zwar sind Lebensmittel hierzulande in üppiger Vielfalt verfügbar, die Qualität wird von zahlreichen Behörden auch genau überprüft, gleichwohl führen die industriellen Produktionsmethoden und der weltweite Handel mit Agrarprodukten zu Gesundheitsrisiken, die nicht von der Hand zu weisen, aber im Einzelfall aufgrund diverser Wechselwirkungen schwer zu beweisen sind.

Chemische Pflanzenschutzmittel, Nitrate, Antibiotika, Schwermetalle oder Dioxine: Über den direkten Kontakt sowie Nahrungs- und Futtermittel können schädliche Substanzen in den Körper gelangen. Die von Medizinern diskutierten möglichen Folgen beim Menschen sind Krankheiten, die von Allergien über bösartige Tumore bis zu Erbgutveränderungen reichen und in vielen Fällen im Ursache-Wirkungs-Mechanismus noch nicht hinreichend erforscht sind.

Pestizide Ohne Pestizide etwa läuft in der modernen Landwirtschaft nichts. Die umstrittene "Chemiekeule", die Bauern auf ihren Äckern einsetzen, sorgt für ungestörtes Wachstum. Unkräuter, Schädlinge oder Pilze werden mit Hilfe von Herbiziden, Insektiziden oder Fungiziden zuverlässig vernichtet, der Ausschuss ist gering, der Ertrag tendenziell immer größer.

Diese landwirtschaftliche Erfolgsstory hat jedoch ihre Schattenseiten. Pestizide wirken als Gifte großflächig auf die Umwelt ein und damit auch auf die menschliche Gesundheit. Berichte über gehäuft auftretende Erkrankungen und Fehlbildungen bei Neugeborenen in landwirtschaftlichen Anbaugebieten, etwa in Argentinien, gesundheitliche Schäden von Bauern und Winzern im langfristigen Kontakt mit Pestiziden auch in Europa sowie missgebildete Jungtiere sorgen für Verunsicherung.

Rund 280 Wirkstoffe für den Pflanzenschutz sind in Deutschland zugelassen. Bevor ein Pflanzenschutzmittel, das mehrere Wirkstoffe enthalten kann, verwendet werden darf, müssen verschiedene Behörden zustimmen. So gilt in Europa auf Basis der EG-Verordnung Nr. 1107/2009 die gemeinschaftliche Wirkstoffprüfung, die Freigabe der Mittel ist aber Sache der Mitgliedstaaten. In Deutschland entscheidet im Rahmen des Pflanzenschutzgesetzes (PflSchG) das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) über die Zulassung. An dem Verfahren beteiligt sind das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das Julius Kühn-Institut (JKI), das über Kulturpflanzen forscht, sowie das Umweltbundesamt (UBA).

Rückstände Das BfR prüft die gesundheitlichen Risiken der Pflanzenschutzmittel und gibt Empfehlungen zu Grenzwerten, der maximal zulässigen Exposition im Umgang mit Stoffen, nötigen Kennzeichnungen und zulässigen Rückständen in Lebens- und Futtermitteln. Bei der Risikobewertung unterscheidet die Behörde in Anwender, Arbeiter, beteiligte Dritte wie Spaziergänger sowie Anwohner und Verbraucher, die Rückstände der Chemie über die Nahrung oder das Trinkwasser aufnehmen könnten. Die Wirkstoffe werden von der EU für zehn Jahre genehmigt, danach ist eine Neuzulassung erforderlich, was im Fall des Wirkstoffes Glyphosat zu einem heftigen wissenschaftlichen und vor allem politischen Streit geführt hat. Die Frage, ob das meistgenutzte Totalherbizid krebserregend sein könnte, wird von Experten unterschiedlich gesehen. Das für die Bewertung von Pestizid-Rückständen zuständige Gremium der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO), das "Joint Meeting on Pesticide Residues" (JMPR), befand 2016, von Glyphosat gehe keine kanzerogene Gefahr aus. Dieser Ansicht sind auch die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), die europäische Chemikalienagentur (ECHA) und das BfR. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Suborganisation der WHO, befand jedoch 2015, Glyphosat sei "wahrscheinlich krebserregend". Nun wird erwogen, die im Dezember auslaufende EU-Zulassung für Glyphosat nur für eine kürzere Frist zu verlängern. Das zuständige Expertengremium der EU konnte sich am vergangenen Donnerstag aber nicht einigen und vertagte die Entscheidung erneut.

Mehrfachbelastung Umweltschützer fordern sogar ein Totalverbot für Pestizide, der Deutsche Bauernverband argumentiert dagegen, die hiesigen Landwirte stünden im Wettbewerb mit Ländern, wo diese Mittel in wesentlich größeren Mengen eingesetzt würden. In Südamerika etwa werde zehn Mal so viel gespritzt wie in Deutschland. Dort werden Felder auch großflächig von Flugzeugen aus eingenebelt, was in Deutschland verboten ist. Die Deutsche Krebsgesellschaft weist darauf hin, dass chemische Substanzen ein Risikofaktor sind für einige Krebserkrankungen, deren Ursache bisher unbekannt ist, darunter das Non-Hodgkin-Lymphom und das Multiple Myelom. Auch degenerative Folgeerkrankungen, Störungen des Immun-, Hormon- und Nervensystems sowie pränatale Auswirkungen werden intensiv diskutiert.

Besonders riskant ist der direkte Kontakt mit Pestiziden. Über Futtermittel und Nahrungsmittel können die chemischen Substanzen aber ebenfalls in den Körper gelangen, wenn auch meist in sehr geringen Konzentrationen. Für die Rückstände gelten EU-weite "Höchstgehalte". Rückstände von Pestiziden finden sich in vielen pflanzlichen und tierischen Produkten. Stichproben haben gezeigt, dass etwa Glyphosat in Bier, Wein und auch im Urin von Menschen nachweisbar ist. Das BfR wertete den Nachweis im Urin jedoch als "sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen gesundheitlich unbedenklich." UBA-Präsidentin Maria Krautzberger sprach sich gleichwohl dafür aus, die "Datenlage zur Belastung beim Menschen" zu verbessern. Vor allem Auswirkungen auf Kinder seien unerforscht. Dabei solle Glyphosat nicht isoliert betrachtet werden. Auch Verbraucherschützer verweisen auf das Problem der zunehmenden Mehrfachbelastung von Lebensmitteln. Immer häufiger würden mehrere Pestizide in Lebensmitteln nachgewiesen, wobei unklar sei, ob und wie die Wirkstoffe miteinander reagierten. Denkbar sei, dass die Stoffe sich in ihrer Wirkung nicht nur addierten, sondern verstärkten. Dies würde zu ganz neuen Bewertungen führen.

Nach Angaben der Umweltschutzorganisation BUND weisen Forschungsergebnisse aus den USA auf einen Zusammenhang zwischen pestizidbelasteten Lebensmitteln und der schwächeren Intelligenz von Kindern hin. So sei bei Kindern, deren Mütter in der Schwangerschaft mit organischen Phosphaten belastetes Obst und Gemüse gegessen hätten, ein niedrigerer Intelligenzquotient gemessen worden. Organophosphate sind hochgiftig, in dieser Stoffklasse finden sich neben Pestiziden auch chemische Kampfstoffe.

Der Heidelberger Umweltmediziner Wolfgang Huber, Spezialist auf dem Gebiet von Pestiziden und Lösungsmitteln, moniert, dass die Dauerbelastung von Menschen mit Pflanzenschutzmitteln noch nicht hinreichend erforscht ist. "Das dürfte man in der Arzneimittelindustrie nie machen." Vor allem in Entwicklungsländern, aber auch in den USA seien stark belastete Landarbeiter an aplastischer Anämie erkrankt. Die möglichen Auswirkungen von Pestiziden auf das Immunsystem seien evident. Dennoch plädiert der Professor für einen pragmatischen Ansatz: "Ich bin kein Illusionist, wie wollen Sie die Weltbevölkerung ernähren ohne Pestizide?" Seine Schlussfolgerung: "Wir müssen eine Minimierungsstrategie eingehen."

Nitrate Für die menschliche Gesundheit problematisch sind auch hohe Nitratwerte in Lebensmitteln und im Grundwasser, weil Bakterien das Nitrat im Körper in Nitrit umwandeln und sich in der Folge N-Nitrosoverbindungen bilden können, darunter die als krebserregend geltenden Nitrosamine. Das BfR plädiert deshalb für eine Begrenzung der Stickstoffverbindungen, die in Form von Mineraldünger sowie Gülle aus Mastbetrieben oder Biogasanlagen auf Feldern ausgebracht werden. Manche Gemüse wie Blattsalate, Kohlsorten, Spinat oder Rucola können besonders viel Nitrat speichern, die WHO hat deswegen vertretbare tägliche Mengen festgelegt, die als gesundheitlich unbedenklich gelten. Nitrit ist zudem über Pökel-Salz in gepökeltem Fleisch enthalten. Nach Ansicht des BfR überwiegen jedoch die gesundheitlichen Vorteile einer Ernährung mit viel Gemüse jene Risiken, die durch Nitrat und Nitrit auftreten können.

Nach Angaben des UBA ist das Grundwasser infolge der intensiven Düngung zu stark mit Nitrat belastet. Jedoch sei das Trinkwasser unbelastet, weil die Wasserversorger sicherstellten, dass der zulässige Grenzwert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter Wasser eingehalten werde. Das Trinkwasser wird besonders penibel überwacht. Dennoch handelte sich Deutschland wegen zu hoher Nitratwerte im Grundwasser und einer als zu lax angesehenen Haltung gegenüber den Landwirten im Herbst 2016 eine Klage der EU-Kommission vor dem Europäischen Gerichtshof ein. Demnach hätte die Bundesregierung die Vorschriften zum Schutz der Gewässer vor einem zu hohen Nitrateintrag der Landwirtschaft längst verschärfen müssen.

Zwischenzeitlich sind das Düngegesetz und die Düngeverordnung novelliert worden, um auf die Bedenken der EU-Kommission einzugehen. Das "Dünge-Paket" soll Gewässer entlasten und sieht striktere Regeln vor. So werden die Zeiträume, in denen keine Düngemittel auf Felder ausgebracht werden dürfen, ebenso vergrößert wie die Abstände zwischen den zu düngenden Äckern und Gewässern. Das Agrarministerium erklärte, die Novelle sei ein "Kompromiss zwischen den Umweltinteressen und einer praxistauglichen Lösung für unsere Bauern".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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