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Claus Peter Kosfeld
Kampf gegen multiresistente Keime auch in Ställen

Hochwirksame Medikamente sollen in der Agrarwirtschaft die Bestände schützen. Das bringt für Menschen gewisse Risiken mit sich

Fachleute schlagen Alarm, denn die Prognosen sind erschreckend. Nach einer Studie der Berliner Charité von 2015 wird sich ohne ein energisches Umsteuern in der Antibiotikavergabe die Zahl der Todesopfer durch multiresistente Erreger (MRE) in den kommenden Jahren drastisch erhöhen. Der Prognose zufolge könnte die Opferzahl von derzeit rund 700.000 pro Jahr weltweit bis 2050 auf zehn Millionen ansteigen.

Allein in Europa würde den Angaben zufolge die Zahl der Keim-Toten von jetzt rund 23.000 auf dann 400.000 Tote hochschnellen. Mediziner und Politiker sind sich einig: Die Zunahme von Resistenzen gegen Antibiotika gehört zu den größten globalen Gesundheitsgefahren der Gegenwart und könnte einen dramatischen Rückschritt in der Therapie lebensbedrohlicher Infektionen bedeuten. Das Problem mit den "Killerkeimen" ist nicht auf die Humanmedizin beschränkt, sondern betrifft auch die Tiermedizin. Multiresistente Keime können sich in einem Stall ausbreiten oder in einem Krankenhaus. Die Landwirtschaft trägt mit ihrem Antibiotikaeinsatz in der Massentierhaltung von Kühen, Schweinen oder Hühnern zur Problematik bei. Nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) wird durch den Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung "die Ausbreitung von Bakterien mit Resistenzen begünstigt". So könnten "resistente Keime aus der Tierproduktion auf Lebensmittel wie Fleisch oder Milch übertragen werden". Die in Haushalte eingeschleppten Keime können dann auf Küchenutensilien oder anderen Lebensmitteln landen. Beim Erhitzen sterben die Keime ab, Risiken gehen daher vor allem von rohem Fleisch aus oder von rohen Eiern.

In der Massentierhaltung verbreiten sich Keime besonders schnell, für die Landwirte beinhaltet dies ein Risiko, weshalb häufig gleich der ganze Bestand mit Antibiotika behandelt wird, um eine Ausbreitung der Krankheit zu verhindern. Antibiotika sollten aber eigentlich nur im konkreten Einzelfall und gezielt dosiert verabreicht werden. Bei falscher Dosierung oder vorzeitigem Abbruch einer Behandlung können Bakterien gegen Antibiotika resistent werden. Antibiotika wirken zudem nur gegen Bakterien, nicht gegen Viren, von systematisch falschen Verschreibungen wird aber immer wieder berichtet. Die Entwicklung eines neuen Antibiotikums dauert im Schnitt zehn Jahre. Seit 2006 ist in der EU der Einsatz von Antibiotika zur Leistungssteigerung bei Nutztieren verboten.

Unwirksame Therapien Ebenso verbreitet wie gefürchtet ist der Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA), ein Bakterium, das die Haut und Schleimhäute von Menschen und Tieren besiedelt. Schätzungsweise rund 30 Prozent der Menschen tragen den Staphylococcus aureus auf der Haut. In der resistenten Variante ist das Bakterium gegen eine Reihe von Antibiotika unempfindlich, darunter Penicilline. Standard-Therapien wirken gegen diese Bakteriengruppe nicht mehr, die Alternativen sind häufig mit riskanten Nebenwirkungen verbunden. Höhere Besiedlungsraten mit MRSA finden sich laut BfR bei Tierärzten und Landwirten mit Kontakt zu Nutztieren, vor allem Schweinen.

Die Landwirte verweisen auf das Antibiotika-Monitoring sowie Dokumentationspflichten im Stall. Auch versichert der Deutsche Bauernverband (DBV), dass Antibiotika nicht prophylaktisch eingesetzt werden. Zudem sei der Einsatz von Reserveantibiotika, die wegen ihrer großen Effektivität geschätzt werden, die absolute Ausnahme. In der Tiermedizin würden im Gegensatz zur Humanmedizin zumeist ältere, weniger wirksame Mittel eingesetzt. Dies führe zu einer höheren Dosierung und somit zu einer größeren Gesamtmenge. Es könne also nicht nur darum gehen, die Masse der Mittel zu reduzieren.

Tatsächlich hat sich die Menge der an Veterinäre abgegebenen Antibiotika nach Angaben des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) zwischen 2011 und 2016 um rund 56 Prozent, von 1.707 auf 742 Tonnen, verringert. Die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) als sehr wichtige Wirkstoffe (Critically Important) für die Therapie bei Menschen eingestuften Antibiotikaklassen der Fluorchinolone und Cephalosporine der 3. und 4. Generation gingen zuletzt ebenfalls seltener an Veterinäre. Fachleute der ökologischen Denkfabrik Germanwatch sind damit aber nicht zufrieden und weisen darauf hin, dass die WHO empfiehlt, in der Landwirtschaft auf Reserveantibiotika möglichst ganz zu verzichten. Während etwa in Dänemark der Einsatz von Antibiotika und Reservewirkstoffen stark reglementiert werde, sei in Schwellenländern wie Brasilien, Indien, China oder Südafrika bis 2030 mit einer Verdoppelung des Antibiotika-Einsatzes zu rechnen. Dort sei "die Industrialisierung der Tierhaltung in vollem Gang".

Wegen der bedrohlichen Entwicklung hat das sensible Thema nun auch politische Priorität. Im September 2017 berieten in Berlin die Fachleute der G20 aus der Human- und Veterinärmedizin über Möglichkeiten zur Bekämpfung von Antibiotika-Resistenzen. Deutschland beschloss 2015 außerdem eine Antibiotika-Resistenzstrategie (DART), die unter anderem ein erweitertes Verbrauchs-Monitoring, verbesserte Hygiene und Diagnostik, gezielte Forschung sowie eine verbesserte Wissensvermittlung an die Bevölkerung und auch an die Ärzte vorsieht.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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