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Lehrermangel Improvisieren und die Ausfälle verwalten

Die Bundesländer lassen sich Einiges einfallen, locken mit Beamtenstatus oder führen »unangenehme« Gespräche mit Teilzeitkräften

04.12.2017
2023-08-30T12:32:30.7200Z
4 Min

Wer in Deutschland ein Kind im schulpflichtigen Alter hat, der weiß: Die wahre Spannung zu Beginn eines jeden neuen Schuljahres liegt nicht im Stundenplan oder bei der Frage nach dem Banknachbarn. Viel interessanter ist: Wird wohl ein Lehrer vor der Klasse stehen?

In immer mehr Schulen ist das längst nicht ausgemacht. Denn es herrscht Lehrermangel. Regelmäßig kommen kurz vor Schuljahresbeginn Schreckensmeldungen aus den Bundesländern, dass viele Lehrerstellen nicht besetzt werden können. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber Schätzungen: Auf rund 2.000 fehlende Lehrer allein an den Grundschulen im Land summierte sich eine Umfrage des Nachrichtenmagazins "Spiegel" bei den Kultusministerien der Bundesländer von Oktober.

Dramatische Lage im Osten Besonders schlecht ist die Lage in Ostdeutschland, wo nach dem Geburtenknick Anfang der 1990er Jahre beim pädagogischen Personal lange gespart wurde. Nun sind die Kollegien oft überaltert und Nachwuchs fehlt. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) stellte deshalb zu Beginn des Schuljahres 2017/18 fest, die Lage an den Schulen sei "so zugespitzt wie seit zehn Jahren nicht". Der Verband Bildung und Erziehung warnte, man steuere "sehenden Auges in einen pädagogischen Notstand".

In den Prognosen der Kultusministerkonferenz, nach denen sich die Länder in ihrer Schulplanung richten, sieht zwar alles gut aus: In ihrer letzten Berechnung aus dem Jahr 2013 heißt es, in den westdeutschen Flächenländern sinken die Schülerzahlen bis 2025 anhaltend auf 7,6 Millionen. Das sind 1,6 Millionen weniger Schüler als noch 2011. Im Osten bleibt die Schülerzahl weitgehend auf dem heutigen Niveau von rund 1,4 Millionen.

Experten sehen das allerdings anders. Es werde alles noch viel schlimmer kommen als bisher, warnte die Bertelsmann-Stiftung im Spätsommer. Berechnungen der Bildungsforscher Klaus Klemm und Dirk Zorn zufolge wird die Zahl der Schüler viel stärker ansteigen. In ihrer Studie heißt es, im Jahr 2025 werde es rund 8,3 Millionen Schüler geben - das ist deutlich mehr, als die Kultusminister bisher prognostiziert haben. Der Grund seien steigende Geburtenzahlen und Zuwanderung: "Das Zeitalter sinkender Schülerzahlen ist zu Ende." Für die Schulen habe diese Entwicklung dramatische Folgen: Allein an den Grundschulen würden in den nächsten acht Jahren fast 25.000 neue Lehrer gebraucht, heißt es. Weitere 2.700 benötige man für die Klassen 5 bis 10.

Bei Pädagogen, die schon jetzt mit dem Lehrermangel kämpfen, lösen diese Aussichten nur noch Kopfschütteln aus. Frau M., eine Dresdner Schulleiterin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, erzählt, sie wisse regelmäßig bis nach dem Beginn des Schuljahres nicht, mit wie vielen Lehrerinnen und Lehrern sie planen könne. "Wenn jemand in Rente geht, dauerkrank ist oder schwanger wird, wissen wir nicht, ob und wann es Ersatz gibt. Mit Glück kommt jemand zu Beginn des Schuljahres oder es gibt wenigstens eine Zusage für einen späteren Zeitpunkt. Wenn wir Pech haben, müssen wir Ausfälle monatelang überbrücken und haben Klassen, für die es einfach keine Klassenlehrer gibt." Dann würden Stundenpläne zusammengestrichen, Förderunterricht oder Projektangebote müssten entfallen. Dass der Lehrermangel sich schon jetzt auf die Qualität des Unterrichts auswirkt, wissen im Grunde alle Beteiligten - auch wenn die Kultusminister traditionell ein Geheimnis daraus machen, wie viel Unterricht an deutschen Schulen deswegen wirklich ausfällt. In der Statistik der Kultusministerien ist in aller Regel die Rede von rund zwei bis drei Prozent der Stunden, die ausfallen würden. Eine große Umfrage von "Zeit" und "ZeitOnline" kommt auf gut fünf Prozent Unterrichtsausfall, dazu komme noch einmal genauso viel Vertretungsunterricht. Das bestätigt die Schätzung des Philologenverbandes, nach der an Deutschlands Schulen jede Woche rund eine Million Stunden ausfallen, also rund acht Prozent des Unterrichts.

Reaktion der Länder Die Maßnahmen der Länder gegen den Lehrermangel sind unterschiedlich - aber nur selten eine wirkliche Problemlösung. So hat Thüringen sich gerade entschieden, Lehrer wieder zu verbeamten. In Baden-Württemberg werden Pädagogen in Teilzeit "unangenehme Gespräche" angekündigt, zudem bemüht man sich, Oberschul- und Gymnasiallehrer dazu zu bewegen, an Grundschulen zu unterrichten, Lehrer aus der Rente zurückzuholen oder Personal von einer Schulart zur anderen abzuordnen. Diskutiert werden auch Reformen bei der Lehrerbildung (Text oben).

Die verbreitetste Maßnahme für mehr Personal ist deshalb die Einstellung von Quereinsteigern. Das heißt: Es kommen Akademiker zum Teil ohne jede didaktische oder pädagogische Vorbildung an die Schulen. Das trifft auf drei Viertel der Neueinstellungen in Chemnitz zu, in ganz Sachsen lag die Quote bei mehr als 50 Prozent. In vielen Fällen hatten die Quereinsteiger keine Zeit mehr für eine Qualifizierung, selbst vorbereitende Crashkurse gab es nicht. Die Lösung: Improvisation mit Hilfe erfahrener Kollegen. Frau M., die Direktorin, macht sich jedenfalls keine Illusionen mehr. "Wir warnen seit Jahren vor dieser Situation, aber passiert ist nichts. Also machen wir weiter mit dem, was wir haben. Mehr geht nicht."