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Ortstermin: Die Bibliothek des Deutschen Bundestages
Götz Hausding
»Wir nehmen eine Lotsenfunktion wahr«

Die Digitalisierung schreitet unaufhaltsam voran. Auch im Bereich des Bibliothekswesens. Anpassungsfähigkeit ist daher gefragt, wie Holger Scheerer, Leiter der Bibliothek des Deutschen Bundestages im Elisabeth-Lüders-Haus bestätigt. "Wir können nicht mehr mit dem Selbstverständnis einer Bibliothek aus den 1990er Jahren überleben. Dann würden wir zu einem Buchmuseum werden und unsere Existenzberechtigung verlieren", sagt Scheerer. Stattdessen wird das Medienangebot angepasst - dem Trend entsprechend: weg vom Buch, hin zum elektronischen Medium. Vor zehn Jahren, so der Bibliotheksleiter, habe man noch davon gesprochen, dass elektronische Angebote "den Printbestand ergänzen". Heute stehe man auf "zwei gleichberechtigten Beinen". Dabei sei das elektronische Angebot das aktuellere und auch das dynamischere, sagt Scheerer und wagt einen Blick in die Zukunft: "In zehn oder zwanzig Jahren wird man vermutlich sagen: Wir haben überwiegend elektronische Informationen, aber selbstverständlich auch Printangebote."

Die Veränderungen lassen sich auch in Zahlen ausdrücken: Gab es 2010 noch 80.000 Buchausleihen pro Jahr, liegt die Zahl derzeit bei 35.000. Kompensiert wird das Ganze jedoch durch hohe Online-Zugriffe. Oft werde "für den schnellen Blick in ein Medium" der elektronische Weg genutzt. Wer es genauer wissen will, leiht das Buch dann aus. Das Problem dabei: Vieles erscheint gar nicht mehr in Papierform. "Solche Publikationen weisen wir aber auch über unseren Katalog nach und ermöglichen über einen Link den Zugang auf den Volltext", erläutert Scheerer. Katalogisiert wird also nach wie vor. "Jetzt aber eben auch die Medien, die wir elektronisch in unserem Besitz haben und bei denen wir die Benutzung lizensiert haben." Jeder Mitarbeiter in den Abgeordnetenbüros könne über das Intranet direkt auf die Texte zugreifen, sagt der Bibliotheksleiter. "Das ist so einfach und selbsterklärend, dass eine extra Schulung nicht nötig ist."

Welche Rolle bleibt also noch den Bibliotheksmitarbeitern? Scheerer sieht sich und seine Kollegen als Lotsen, die in der Informationsvielfalt gebraucht werden - auch um seriöse von unseriösen Quellen zu trennen. "Wir nehmen unsere Lotsenfunktion wahr, indem wir eine Auswahl treffen, was wir anbieten", sagt er.

Wir - das sind auch die 15 Fachreferenten, die darüber entscheiden, welche Bücher neu angeschafft werden. Darunter sind Juristen, Ökonomen, Politologen, Soziologen und Pharmazeuten - Scheerer selbst ist Historiker. "Damit decken wir alle Wissensgebiete ab, die für den parlamentarisch-politischen Betrieb relevant sind." Die Parlamentsbibliothek hat derzeit einen Gesamtbestand von 1,5 Millionen Büchern - davon 30.000 elektronische Bücher -, der um jährlich 24.000 "bibliografische Einheiten", die katalogisiert werden, wächst.

Auf Anfrage stellen die "Lotsen" aber auch Informationspakete zusammen. "Das ist ein Service, der immer wichtiger wird, für den wir aber noch intensiver als noch vor Jahren werben müssen." Es scheint offenbar nötig, das etwas antiquierte Bild der verstaubten Bibliotheken geradezurücken. "Wir müssen unser neues Selbstverständnis ganz anders an das Publikum bringen. Gerade zu Beginn einer neuen Legislaturperiode." Die Bundestagsabgeordneten dürfen also demnächst mit informierenden Anrufen und sogar - wenn Sie es wünschen - mit Besuchen von Bibliotheksmitarbeitern rechnen.Götz Hausding

Aus Politik und Zeitgeschichte

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