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Claus Peter Kosfeld
Weiterbildung zum Schnäppchenpreis

Millionen Bürger nutzen die günstigen Fortbildungsangebote. Flüchtlinge lernen die deutsche Sprache. Dozenten klagen jedoch über schlechte Bezahlung

Der Bildungsbürger ist in Deutschland keine Erfindung ehrgeiziger Gelehrter, sondern eine etablierte Größe auch jenseits von Schulen, Universitäten und Forschungseinrichtungen. Seine Spur führt hinein in die bisweilen etwas abseitig gelegenen Volkshochschulen (VHS), wo hochwertige Weiterbildung zum sagenhaften Schnäppchenpreis angeboten wird.

Das Programm der VHS hat sich in den zurückliegenden Jahren stets vergrößert, die Nachfrage ist anhaltend rege. Was sich wie eine allseits erfreuliche Entwicklung anhört, hat allerdings einen Preis, den allein die selbstständigen Honorarkräfte der Einrichtungen zahlen, ohne dass eine Trendwende in Sicht wäre. Nach Angaben der Gewerkschaften werden die Kursleiter oft nur auf Mindestlohnniveau entschädigt, allenfalls einen Schritt von Hartz IV entfernt, und tragen zudem die Kosten für ihre gar nicht angestrebte Selbstständigkeit.

Alle im Bundestag vertretenen Parteien messen der Bildung einen hohen gesellschaftlichen Rang zu und wollen mehr Geld dafür ausgeben. In den Parteiprogrammen für die Bundestagswahl wurden die Volkshochschulen aber nur gestreift, bei SPD, Linken und Grünen immerhin explizit erwähnt. Dabei sind die Volkshochschulen nicht nur ein anerkannter Teil des Bildungskanons, sondern auch eine Einrichtung von unübersehbarer Größe.

Unzufriedene Dozenten Nach einer Statistik des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE) gab es 2015 über ganz Deutschland verteilt 905 Volkshochschulen mit insgesamt knapp 193.000 neben- oder freiberuflichen Kursleitern, die zusammen rund 16,7 Millionen Unterrichtsstunden absolvierten. Allein auf Sprachkurse entfielen 2015 rund 8,1 Millionen Unterrichtsstunden, knapp die Hälfte des Gesamtprogramms.

Auf die vom Deutschen Volkshochschul-Verband (DVV) ausgegebenen "Wahlprüfsteine" antworteten Union, SPD, Linke und Grüne übereinstimmend, sie wollten sich dafür einsetzen, dass Lehrkräfte in der Weiterbildung angemessen bezahlt und sozial besser abgesichert werden. Tatsächlich wird die Bezahlung von Gewerkschaften und betroffenen Dozenten als prekär geschildert. Die freiberuflichen Lehrkräfte an der VHS Düsseldorf gingen kurz vor der Bundestagswahl mit einem Brandbrief an die Öffentlichkeit und listeten die Probleme aus ihrer Sicht auf. Das Honorar liege bei 22 Euro pro Unterrichtsstunde und sei damit "in keiner Weise angemessen". Gefordert werde eine Bezahlung, die sich an Lehrkräften öffentlicher Schulen orientiere. Zudem müsse die Möglichkeit einer Festanstellung geschaffen werden, denn die freie Dozententätigkeit sei von Unsicherheiten und Nachteilen geprägt, beinhalte etwa die alleinige Zahlung der Beiträge für Kranken- und Rentenversicherung sowie den Verzicht auf eine Lohnfortzahlung bei Krankheit. Zudem würden Vor- und Nachbereitung des Unterrichts gar nicht bezahlt, Ersatz für ausgefallene Einheiten gebe es auch nicht.

Mit der Flüchtlingskrise hat sich die Entlohnung verbessert, aber nur für Integrationskurse (Niveau B1), die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gefördert und seit Juli 2016 mit 35 Euro vergütet werden. Dozenten mit akademischer Qualifikation, die Deutsch als Fremdsprache an kommunalen Volkshochschulen unterrichten, darunter Kurse für Fortgeschrittene (Niveau B2, C1 und C2), verdienen nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hingegen nur Stundensätze zwischen 20 und 23 Euro. Damit kommen VHS-Lehrer auf ein Nettoeinkommen zwischen rund 1.000 und 1.400 Euro. Die GEW und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi fordern daher einen Tarifvertrag für arbeitnehmerähnliche Dozenten an Volkshochschulen.

Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, haben sich die Lehrkräfte für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache (DaF/DaZ) im Mai 2016 zu einem Aktionsbündnis zusammengeschlossen. Sie sehen ihren Job als Schlüssel für eine erfolgreichen Ausländerintegration und verlangen mehr Wertschätzung, zumal sie nicht nur die Sprache vermittelten, sondern auch Politik und Geschichte an heterogene Gruppen, die im Fall von Flüchtlingen teilweise auch traumatisiert seien und sich in problematischen Lebenslagen befänden. Die Deutschkurse werden nach Angaben des Bündnisses zu 80 Prozent von Frauen geleitet.

Buntes Programm Die Volkshochschulen bieten über die Sprach- und Integrationskurse hinaus ein weit verzweigtes Programm an, das von Kultur- und Umweltthemen über die Gesundheitsfortbildung, Psychologie und Ernährungsfragen bis hin zu Tanz, Sport und Yoga reicht. Auch berufsbezogene Angebote wie Computerlehrgänge, Internetnutzung, Buchhaltung, Marketing, Grafikdesign oder Fotobearbeitung werden oft nachgefragt.

Laut der VHS-Statistik sind die meisten Kursteilnehmer zwischen 35 und 50 Jahren. Es haben aber zuletzt auch mehr als eine Million Teilnehmer im Alter von über 65 Jahren die zahlreichen Angebote genutzt. Der Statistik zufolge waren 2015 unter den insgesamt rund 6,5 Millionen Teilnehmern rund 4,8 Millionen Frauen. Finanziert werden die Volkshochschulangebote unter anderem durch die Kursgebühren sowie Zuschüsse von Kommunen und Ländern. Wer etwa an der VHS in Berlin-Neukölln einen Computergrundkurs (Outlook) bucht, zahlt derzeit für 16 Unterrichtseinheiten mit je 45 Minuten insgesamt 49,50 Euro.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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