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FORSCHUNG
Alexander Weinlein
Wichtige Erkenntnisse oder Banalitäten?

PISA und andere Tests sollen zu einem besseren Bildungssystem führen - aber die Kritik daran wird lauter

Das Schul- und Bildungssystem ist ins Visier der Forschung geraten. Allein acht Vergleichsstudien und Berichte zählt das Bundesbildungsministerium auf, die es sich zum Ziel gesetzt haben, "gesicherte Befunde über die Stärken und Schwächen von deutschen Schülerinnen und Schülern zu erhalten" - im nationalen und im internationalen Vergleich.

Da ist zum Beispiel die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU), die alle fünf Jahre in 50 Ländern absolviert wird, TIMMS wiederum untersucht das Leistungsniveau in Mathematik und Naturwissenschaften von Viertklässlern, im Rahmen von VERA schreiben die Schüler der dritten und achten Klasse Vergleichsarbeiten in Deutsch und Mathematik, der IQB-Ländervergleich testet in der vierten Klasse die Fähigkeiten Mathematik, Deutsch beziehungsweise der ersten Fremdsprache, PIAAC untersucht die Fähigkeiten von Jugendlichen und Erwachsenen im Umgang mit mathematischen und technologiebasierten Problemen und ICILS die IT-Kenntnisse von Schülern. Daneben stehen Studien zu Bildungswegen von der Kindheit bis ins hohe Alter (NEPS) oder der "Bildungsbericht", der eine Bestandsaufnahme des gesamten deutschen Bildungssystems liefert.

Der bekannteste und weltweit größte Schulleistungstest ist PISA (Programme for International Student Assessment), der alle drei Jahre unter Federführung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die Fähigkeiten 15-jähriger Schüler in Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen unter die Lupe nimmt.

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) zeigt sich überzeugt vom Nutzen all dieser Untersuchungen und Studien: "Die Vergleichsstudien machen uns die Stärken unseres Bildungssystems deutlich. Sie zeigen aber auch, wo die Schwachstellen sind und was andere Länder vielleicht besser machen. Wichtig ist, dass diese Erkenntnisse in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen umgesetzt werden." Die Vergleichsstudien sind aber alles andere als unumstritten. Vor allem gegen PISA gab es von Anfang an Einwände und die kritischen Stimmen sind in den vergangenen Jahren lauter geworden.

Cornelia Schwartz, Vorsitzende des Philologenverbandes Rheinland-Pfalz, moniert, das die PISA-Studie kaum mehr als "Banalitäten" offenbare. Vor allem aber steure PISA das deutsche Schulsystem in die falsche Richtung, "indem wir ständig zurückgemeldet bekommen, dass wir Schüler möglichst wenig nach Leistung trennen sollen. Die Finnen gehen den umgekehrten Weg, die richten wieder Spezialklassen für Förderschüler ein." Finnland hatte 2001 bei der Veröffentlichung der ersten Pisa-Studie als großer Gewinner und pädagogisches Vorzeigeland gegolten.

Auch bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mehren sich kritische Stimmen. "Die Erkenntnisse sind mehr oder weniger immer die Gleichen", betont das GEW-Vorstandsmitglied Ilka Hoffmann und fordert einen neuen Forschungsansatz. "Wir brauchen Studien, die die Gelingensbedingungen für eine Schule, die alle Kinder und Jugendlichen zu einer umfassenden Bildung, Verantwortungsbewusstsein und einer demokratischen Grundhaltung führt, herausarbeiten."

Verengte Sicht Die Beschränkung der PISA-Studie auf Mathematik, Naturwissenschaften und Lesekompetenz wird von vielen Bildungsexperten bemängelt. Gesellschaftswissenschaften, musisch-künstlerische Fächer oder Fremdsprachen blieben unberücksichtigt. Dies verenge den Bildungsbegriff. Kritiker führen dies darauf zurück, dass es der OECD vor allem um Fähigkeiten gehe, die auf dem Arbeitsmarkt besonders stark gefragt sind und einem wirtschaftlichen Interessen entspringen.

Es existieren aber auch Einwände gegen die Methodik: PISA berücksichtige nicht die Lehrpläne in den Teilnehmerstaaten, teste zudem die Schüler nicht nach Klassen- sondern nach Altersstufe und das angewendete Multiple-Choice-Format sei kein verlässlicher Indikator für den tatsächlichen Leistungsstand der Schüler.

Bereits vor drei Jahren rief die 2010 gegründete Gesellschaft für Bildung und Wissen in einem offenen Brief an den verantwortlichen Direktor der OECD für das PISA-Programm, Andreas Schneider, dazu auf, den anstehenden Test-Zyklus auszusetzen. "In der Bildungspolitik hat der dreijährige Testzyklus von PISA die Aufmerksamkeit auf kurzfristige Maßnahmen verlagert in der Absicht, schnell im Ranking aufzuholen, obwohl die Forschung zeigt, dass nachhaltige Veränderungen in der Bildungspraxis nicht Jahre, sondern Jahrzehnte benötigen, um fruchtbar zu werden", schrieben die Verfasser des Briefes.

Im Bundesbildungsministerium weist man stolz darauf hin, dass sich Deutschland in den vergangenen Jahren im Pisa-Ranking deutlich verbessert habe. Fakt ist aber auch, dass Universitäten und Arbeitgeber zunehmend mangelnde Fähigkeiten in Mathematik, Naturwissenschaften und Deutsch bei Schulabgängern beklagen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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