Inhalt

Neue Medien
Johanna Metz
(K)Ein Klassenzimmer 4.0

Die Digitalisierung revolutioniert das Lernen. Doch im Schulalltag ist davon bislang wenig zu spüren

Ein trüber Montagmorgen in Berlin-Biesdorf, im dritten Stock des Otto-Nagel-Gymnasiums paukt Klasse 8.2 Spanisch. Das Thema heute: der Imperativ. "¡Buenos días!", begrüßt die Lehrerin die zwei Dutzend Schüler, dann klickt sie auf ihr Laptop und hinter ihr auf dem Whiteboard, einer großen elektronischen Tafel mit Computer- und Internetanschluss, öffnet sich eine Tabelle mit spanischen Verben. Die Finger der Jugendlichen schnippen hoch. "Tú habla!", "Vosotros vended!", "Ustedes vivan!", rufen sie Anja Meltonjan zu, die tippt auf das Board und die richtige Antwort erscheint. Dann sollen die Schüler selbst Aufgaben lösen. Drei Links hat die junge Lehrerin ihnen per Mail geschickt, sie führen zu verschiedenen Lernprogrammen. Die Achtklässler kramen in ihren Rucksäcken, vor jedem steht nun ein silbernes Notebook. Es wird still. Konzentriert schauen die Schüler auf ihre Monitore, ihr Tippen erfüllt den Raum. Ob sie die Verben korrekt gebeugt haben, werten die Programme selbst aus.

Ungewöhnliche Lernmethoden? Nicht hier am Rand von Berlin, inmitten von Einfamilienhäusern und Marzahner Plattenriegeln. "MacBook-Unterricht", "Kreidefreie Schule" - so wirbt das Otto-Nagel-Gymnasium auf seiner Webseite für sich, jeder der mehr als 800 Schüler hat ein eigenes Notebook. Den Umgang mit Hard- und Software, die Recherche im Internet, das Erstellen von Präsentationen und Videos, das lernen sie in Biesdorf genauso wie das Verhalten in sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter und Co.

Große Ausnahme Typisch für eine deutsche Schule ist das nicht. Denn ausgerechnet in hiesigen Klassenzimmern ist die digitale Revolution, die doch so kräftig an den Grundfesten unserer Lebens- und Arbeitswelt rüttelt, bisher kaum angekommen. 11,5 Schüler teilen sich hierzulande einen Computer, wie die "International Computer and Information Literacy Study" (ICILS) in einer Ende 2014 veröffentlichten Studie feststellte; in Norwegen sind es 2,4. Laut einer Befragung der Bertelsmann-Stiftung nutzt nicht einmal jeder zehnte Lehrer in Deutschland digitale Medien; 62 Prozent der Schulen verbieten es sogar, private Smartphones, Tablets oder Laptops der Schüler im Unterricht zu verwenden. Dabei ist die technische Ausstattung der Schulen oft schlecht: Viele haben entweder keinen oder einen viel zu langsamen Internetanschluss. Häufig stehen veraltete Rechner in einem einzigen Computerkabinett herum; vom fehlenden Know-how der Lehrer ganz zu schweigen.

Gerade unter ihnen ist die Skepsis groß: Laut Bertelsmann-Stiftung glaubt nicht einmal jeder vierte Lehrer, dass digitale Medien dazu beitragen können, die Lernergebnisse der Schüler zu verbessern. Nur 40 Prozent meinen, dass sie die Arbeit mit leistungsschwachen Schülern erleichtern könnten. Von den Schülern wünschen sich hingegen 80 Prozent mehr neue Medien im Unterricht; sie finden, dass sie durch Lernapps, Online-Recherche oder moderne Präsentationsprogramme aktiver und aufmerksamer sind.

"Wir laufen hinterher", konstatierte Birgit Eickelmann, Erziehungswissenschaftlerin an der Uni Paderborn und eine der ICILS-Autorinnen, im September in Berlin, wo sie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung eine Expertise zur Digitalisierung vorstellte. Länder wie Dänemark, Österreich oder die Niederlande seien deutlich weiter, sowohl was die technische Ausstattung, als auch was die Fähigkeit der Schüler, digitale Medien kritisch zu nutzen und technisch zu verstehen, angehe. So verfügten fast 30 Prozent der 14-Jährigen hierzulande kaum über computer- und informationsbezogene Kompetenzen, darunter besonders viele Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien.

Ein "sträfliches Versäumnis", meint Gesche Joost, seit 2014 Digital-Botschafterin der Bundesregierung bei der Europäischen Union. "90 Prozent der Teenager besitzen ein Smartphone, aber sie gehen völlig unbegleitet in das digitale Zeitalter", kritisiert die Berliner Professorin. Sie hält das Vermitteln von digitalen Fähigkeiten an Schulen nicht nur für essentiell, um den wachsenden Fachkräftebedarf in der IT-Branche zu decken. "Irgendwann wird es möglich sein, online zu wählen, auch die Verwaltung wird zunehmend digitalisiert. Wenn ich nicht begreife, was da passiert, ist mir die bürgerschaftliche Teilhabe an der Gesellschaft verwehrt", argumentiert Joost. Sie plädiert deshalb dafür, schon Grundschülern in spielerischer Form digitale Kompetenzen zu vermitteln. Der Beirat "Junge Digitale Wirtschaft" beim Bundeswirtschaftsministerium geht noch weiter: Er fordert, an Grundschulen ein verpflichtendes Schulfach "Digitalkunde" oder "Informatik" einzuführen.

Das jedoch findet der frühere Präsident des Lehrerverbands, Josef Kraus, selbst lange Leiter eines Gymnasiums, "zu früh". Es reiche, wenn digitales Lernen "in vernünftigem Umfang" in den weiterbildenden Schulen stattfinde, schrieb er im Frühjahr im "Weser Kurier". Im NDR-Radio warnte er zuvor, dass der zwischenmenschliche Diskurs unter einer "Totaldigitalisierung des Unterrichts" leiden werde und Schüler sich nur noch "Häppchen-Informationen und Häppchen-Wissen" aneigneten.

Sorgen, die Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) offenbar nicht teilt. Sie hat den Bundesländern vor einem Jahr zwischen 2018 und 2022 fünf Milliarden Euro in Aussicht gestellt, damit sie Schulen mit digitaler Technik ausstatten und diese pädagogische Konzepte für den Einsatz neuer Medien entwickeln können. Eine kräftige Finanzspritze für die - laut Grundgesetz allein zuständigen - Länder, die ihnen helfen soll, den von Experten auf 2,8 Milliarden Euro pro Jahr geschätzten Gesamtinvestitionsbedarf zu schultern. Doch so groß der Jubel von Erfurt bis Hannover war, inzwischen ist völlig unklar, wann das Geld ankommt und ob überhaupt. Denn über Finanzierung und Eckpunkte der Bund-Länder-Vereinbarung muss erst eine - wie auch immer zusammengesetzte - neue Koalition verhandeln.

In Eigeninitiative Lutz Seele, seit 1991 Schulleiter des Otto-Nagel-Gymnasiums, hat gar nicht erst auf staatliche Initiativen gewartet, sondern seine Schule mehr oder weniger im Alleingang ins Zeitalter 4.0 gehievt. 2008 überzeugte der energische Mittfünfziger Eltern und Lehrer von seiner Idee einer digitalen Schule. Er kämpfte bei den zuständigen Behörden um High-Speed-Internetzugänge und stellte ein Medienkonzept auf die Beine, hinter dem heute alle Beteiligten stehen. Die Eltern finanzieren weite Teile der Investitionen über den Lernmittelverein mit; sie stimmten auch zu, ihren Kindern ein eigenes MacBook zu kaufen - mit 900 Euro pro Kind nicht gerade ein billiger Spaß. Verpflichten kann Seele sie zu dieser Anschaffung nicht, da Computer anders als Bücher laut Gesetz nicht als Lernmittel gelten. "Ohne das Engagement der Eltern, Lehrer und Schüler würde das alles nicht gehen", sagt Seele und berichtet sichtlich stolz von Schülern, die für Eltern und Lehrer iOS- und Word Press-Workshops anbieten, und von all Freiwilligen, die Hard- und Software in Schuss halten. Zweiflern hält der Schulleiter entgegen: "Vier Fähigkeiten werden bei uns nie abgeschafft: Lesen, Schreiben, Rechnen und Denken."

Und auch der Spaß kommt in Biesdorf nicht zu kurz. Im Spanisch-Block der 8.2 läuft jetzt ein YouTube-Video auf dem Whiteboard. Ein gewisser Tomás erklärt den Jugendlichen mit viel Witz die Tücken der spanischen Objektpronomen. Sie kichern. Dann aber wird es noch mal Ernst: 30 Minuten haben die Gymnasiasten Zeit, um auf ihren Laptops ein Lernvideo oder ein Lernplakat zum spanischen Imperativ zu erstellen. Tabellen, Grafiken, selbst erfundene "Eselsbrücken" - die Schüler sollen sich das Thema selbst erschließen. Schnell tun sie sich in Zweiergruppen zusammen, die Videoproduzenten treffen sich auf dem Flur. Eine schwierige Aufgabe für die Achtklässler? "Nein", sagt die Lehrerin und lächelt ein wenig amüsiert. "Das machen die hier ständig."

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2021 Deutscher Bundestag