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Arktis Der Norden wird heiß

Die Großmächte sichern ihre Rohstoff-Interessen auch militärisch ab. China drängt über Grönland ins Spiel

06.08.2018
2023-08-30T12:34:33.7200Z
5 Min

Ein amerikanisches U-Boot taucht am Nordpol auf, ein russischer Eisbrecher schleppt ein schwimmendes Atomkraftwerk in das ewige Eis. Zwei Nachrichten aus der jüngsten Zeit, die zeigen: Mit der Ruhe in der Arktis ist es vorbei. Das Wettrennen um Macht, Einfluss und Ressourcen im hohen Norden ist eröffnet. Neben den traditionellen Großmächten versucht mit der Volksrepublik China auch ein neuer strategischer Player, Einfluss in der Region zu gewinnen.

Als Arktis wird ein Gebiet rund um den Nordpol mit einer Größe von rund 20 Millionen Quadratkilometern definiert. Zum Vergleich: Der afrikanische Kontinent ist 30 Millionen Quadratkilometer groß. Die Arktis umfasst alle Land- und Seegebiete nördlich des arktischen Polarkreises. Politisch sind die Landgebiete und Inseln den Vereinigten Staaten (Alaska), Dänemark (Insel Grönland), Norwegen, Russland und Island zuzurechnen. Auch der Norden von Schweden und Finnland wird zur Arktis gerechnet, obwohl beide Länder keinen Zugang zum Arktischen Ozean haben. Die Besiedlung der Landgebiete und Inseln ist gering: Nur vier Millionen Menschen sollen in der gesamten Region leben.

Öl und Gold locken Dafür locken Rohstoffe: Das russische Rohstoffministerium nimmt an, dass allein der arktische Festlandsockel etwa fünf Milliarden Tonnen Öl und Gas enthält. Weiterhin werden Bodenschätze wie Nickel, Kobalt, Gold, Diamanten und Bauxit erwartet. Und sollten sich die Annahmen vom schmelzenden Eis am Nordpol bestätigen, könnte die Nordostpassage für den internationalen Schiffsverkehr geöffnet werden. Frachtschiffe würden von Ostasien nach Europa nur noch 13.000 statt bisher 21.000 Kilometer fahren müssen und wären zwei Wochen früher am Ziel. "Der Eisrückgang in der Arktis eröffnet so auch eine handfeste ökonomische Chance", heißt es etwa in einer Studie des Planungsamts der Bundeswehr..

Wo Rohstoffe winken, sind Politiker und Militärs nicht weit. Staatenlose Gebiete wie zu Beginn der Kolonisierung Afrikas gibt es im Norden aber nicht: "Die Arktis ist kein politisch fragiler ,Wilder Norden', schreibt das Planungsamt der Bundeswehr. Es handele sich um ein rechtlich weitgehend geregeltes und stabiles Umfeld mit fast ausnahmslos klar zugeordneten Souveränitäts- und Besitzverhältnissen.

Nur: Meeresgebiete sind nicht so eindeutig zuzuordnen. Nach dem UN-Seerechtsübereinkommen gehören zwölf Seemeilen vor der jeweiligen Küste zum Hoheitsgebiet des Küstenstaates, 200 Meilen weit reicht die Wirtschaftszone, in der nur der jeweilige Küstenstaat Rohstoffe gewinnen darf. Wenn es allerdings Festlandsockel gibt, kann die Wirtschaftszone auch noch weiter reichen. Genau das reklamiert Russland für sich und hat bei der UN-Festlandsockelkommission einen Antrag gestellt, seine Wirtschaftszone auf den sogenannten Lomonossow-Rücken, einer massiven Erhebung unter der Meeresoberfläche, um 1,2 Millionen Quadratkilometer auszuweiten. Das entspricht mehr als der dreifachen Fläche Deutschlands. Die anderen Anrainerstaaten lehnen das ab. Die UN-Kommission hat noch nicht entschieden.

Neben Schriftsätzen an die Meeressockelkommission setzt Russland auch demonstrative Zeichen: 2007 wurde die russische Fahne mit einer Tauchkapsel zum geografischen Nordpol gebracht und vom Meeresforscher Artur Chilingarov am Meeresboden (4.000 Meter tief) verankert. Einige Jahre später begann Russland mit Militärmanövern und reaktivierte Stützpunkte, die nach dem Ende des Kalten Krieges aufgegeben worden waren. Im Konflikt um territoriale Zugehörigkeiten könne sogar eine militärische Eskalation "als nicht mehr ausgeschlossen betrachtet werden", befürchtet das Planungsamt der Bundeswehr. Weiter ging eine deutsche Marine-Offizierin: In einem Vortrag erhob Kapitänleutnant Laura Ohlendorf Vorwürfe gegen Russland: "Zusammenfassend kann die wachsende russische Militärpräsenz in der Arktis als beginnende Militarisierung der Region bewertet werden."

Die regionale Zusammenarbeit zwischen westlichen Ländern und Russland, die früher so gut war, dass Präsident Wladimir Putin von einer "Zone des Friedens und der Kooperation" sprach, entspricht seit Ukraine- und Krim-Konflikt und den Sanktionen gegen Russland dem Wetter im Hohen Norden: eiskalt. Zwar gibt es den in Norwegen ansässigen "Arktischen Rat" aus Vertretern aller Arktis-Anrainer und interessierten Ländern wie Deutschland, aber große praktische Bedeutung außerhalb der Koordination der Seerettung hat das Gremium nie bekommen.

Nachdem Russland ein neues Militärkommando eingerichtet und 2014 in einem Manöver mit 45.000 Soldaten gezeigt hatte, dass es seine militärischen Fähigkeiten unter eiskalten Bedingungen nicht verloren hatte, rüstete der Westen massiv auf. Seit 2015 wird das Manöver "Arctic Challange Exercise" durchgeführt - 4.000 Soldaten und 100 Flugzeuge üben dort das Durchsetzen einer Flugverbotszone. Die NATO beschloss sogar Militärübungen auf der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen, die seit dem Spitzbergen-Vertrag von 1920 demilitarisiert ist. Russland sprach von einer "Provokation".

US-Großmanöver Besonders die Vereinigten Staaten haben ihr Engagement im Norden ausgeweitet. Nach den militärischen Großübungen "Nothern Edge" in den letzten Jahren setzten die USA in diesem Frühjahr einen zusätzlichen, sehr starken Akzent, mit dem die Administration von Präsident Donald Trump amerikanische Präsenz weit in den von Russland reklamierten Lomonossow-Rücken heineinschob.

Fünf Wochen dauerte das U-Boot-Manöver "Ice Exercise 2018". Dabei setzten die USA ihre nuklearen Angriffs-U-Boote USS "Connecticut" und USS "Hartford" zum Nordpol in Marsch. US-Streitkräfte errichteten ein "Command Center" auf einer Eisscholle direkt am Nordpol - ein ungeheurer logistischer Aufwand. "Die U-Boot-Operationen umfassten Arktik-Transit-Übungen, Auftauchmanöver am Nordpol, Torpedoschießen, Kommunikationübungen unter Eis, Sammeln von Unterwasserdaten oder Entwickeln/Erproben von Taktiken und Verfahren für U-Boot-Operationen in Arktischen Gewässern", berichtete die Fachzeitschrift "Europäische Sicherheit & Technik". Von Russland war in jüngster Zeit bekannt geworden, dass es zwei schwimmende Atomreaktoren in der Arktis in Betrieb nehmen will. Die über keinen eigenen Antrieb verfügenden Kraftwerke sollen Energie für wirtschaftliche und für Forschungsprojekte liefern.

Die Lage in der Arktis ist allerdings weitaus komplizierter als das Säbelrasseln der Großmächte USA und Russland vermuten lässt. Die Bundeswehr-Studie zieht langfristig eine Unabhängigkeit der nur innenpolitisch souveränen Insel Grönland von Dänemark in Betracht, die die Gewichte in der Region erheblich verschieben könnte.

Gewichte verschieben könnte dann die Volksrepublik China, deren Rohstoffhunger für die heimische Industrie unersättlich ist. Deutlicher wird Kapitänleutnant Ohlendorf: Für China als strategischer Akteur sei der fehlende Stützpunkt in Arktisnähe ein Nachteil. "Grönland könnte, neben der geostrategischen Alternative Island, eine mögliche Basis für einen chinesischen Arktis-Stützpunkt sein. China macht Island und Grönland - den beiden kleinen arktischen Staaten, die nach finanzieller Unterstützung streben, stetig den Hof." Wie Recht die Kapitanleutnantin haben sollte, zeigt die jüngste Entwicklung. China veröffentlichte eine eigene Arktis-Strategie, in der es die Unternehmen der Volksrepublik zur Nutzung der "polaren Seidenstraße" aufrief. Nachdem die Grönländer bei den letzten Wahlen die nach vollständiger Unabhängigkeit strebenden Kräfte stärkten, kam es zu einer Intensivierung der Kontakte zu China. Das "Center Of Naval Analysis" in Washington beziffert den Wert chinesischer Investitionen in der Arktis seit 2004 auf 90 Milliarden US-Dollar. China will auf Grönland Flugplätze bauen und Bodenschätze gewinnen - bisher gab es regelmäßig Vetos der dänischen Schutzmacht gegen solche Bestrebungen. Sollten die Grönländer sich von Dänemark lossagen, brauchen sie Ersatz für die 500 Millionen Dollar, die die Regierung in Kopenhagen bisher pro Jahr nach Grönland pumpt. China könnte der neue Partner werden. Die USA beäugen die Entwicklung äußerst kritisch und werden fremde Einflüsse vor ihrer nördlichen Haustür nicht hinnehmen. Der kalte Norden wird heiß.