Piwik Webtracking Image

Plastik Der »pazifische Müllfleck«

Mehr als 140 Millionen Tonnen Kunststoff schwimmen in den Weltmeeren. Langsam reagiert die Politik

06.08.2018
2023-08-30T12:34:33.7200Z
5 Min

Ob Plastiktüten oder Zahnbürsten - Kunststoffprodukte haben vor allem eines gemeinsam: Sie sind haltbar - und das sollen sie auch sein. Doch in der Natur ist genau das ein Problem: Durch Salzwasser und Sonne wird Plastik zwar porös - trotzdem dauert es mehrere Jahrhunderte bis sich eine Plastikflasche im Meer vollkommen zersetzt hat.

Getrieben durch Strömung und Winde sammelt sich ein Teil des Plastikmülls in riesigen Wirbeln inmitten der Weltmeere an. Einer davon: der Nordpazifikwirbel. Forscher nennen ihn auch den "großen pazifischen Müllfleck". Messungen zeigen: Auf einem Quadratkilometer schwimmen dort bis zu einer Million Plastikteilchen.

Bereits 2013 schlug der 22-jährige Niederländer Boyan Slat ein ambitioniertes Projekt vor: Kilometerlange schwimmende Barrieren sollen den Müll aus den Meerwasserstrudeln herausfiltern. Sein Vorhaben erntete aus aller Welt Spenden in Millionenhöhe. Doch Boyan Slat kratzt - im wahrsten Sinne des Wortes - mit seiner Idee gerade mal an der Oberfläche des Problems.

Verschwundenes Plastik Die Rechnung ist einfach: Zwischen 4,8 und 12,7 Millionen Tonnen Plastikmüll landen laut einem internationalen Forscherteam jedes Jahr im Meer. Groben Schätzungen zufolge haben sich bereits rund 140 Millionen Tonnen in unseren Ozeanen angesammelt. Doch nur ein Prozent davon schwimmt an der Oberfläche. Der Rest verschwindet in den Tiefen des Meeres.

"Alles Plastik im Meer sinkt früher oder später ab", erklärt Mark Lenz, Meeresökologe am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Selbst Plastikarten, die leichter sind als Wasser, trifft dieses Schicksal: Muscheln oder Algen setzen sich am schwimmenden Plastikmüll fest und ziehen ihn in die Tiefe. Mikroplastikteilchen verklumpen mit Planktonblüten und fallen als "Mariner Schnee" gen Tiefsee. Auch Fische fressen Mikroplastik. Dass dieses irgendwann mit dem Abendessen auf unseren Tellern landet, sei aber unwahrscheinlich, sagt Mark Lenz. Vielmehr werde das Plastik mit dem Kot der Fische ausgeschieden und sinke ebenfalls ab.

"In fast allen Teilen des Meeres - von der Oberfläche bis zur Tiefsee - wurde bereits Plastik nachgewiesen", betont Lenz. Ein Teil des absinkenden Mülls ist bereits am Meeresgrund angekommen: Forscher der Plymouth University haben in allen Proben, die sie am Grund des Nordatlantiks, im indischen Ozeans und im Mittelmeer entnahmen, Mikroplastik nachgewiesen.

Für die Tiere im Meer, aber auch für Küstenbewohner werden die Kunststoffe zum Verhängnis. "Seevögel fressen für gewöhnlich alles, was sie aus der Luft als potenzielle Beute identifizieren", sagt Nils Guse vom Forschungs- und Technologiezentrum Westküste der Universität Kiel.

Guse und seine Kollegen analysierten über vier Jahre hinweg den Mageninhalt von 238 Eissturmvögeln, die an der deutschen Nordseeküste verendet waren. Das Ergebnis: 96 Prozent der Vögel hatten Plastik in geringen oder größeren Mengen gefressen.

Ein Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen zeigt, dass mindestens 267 verschiedene marine Arten Plastik aufnehmen oder sich darin verfangen.

Der Plastikmüll wirkt sich sogar auf die Mikrobenwelt im Meer aus: Forscher haben beobachtet, dass Bakterien sich auf den Kunststoffoberflächen ansiedeln und sogenannte Biofilme bilden. Innerhalb dieser Bakterienkolonien können sich auch pathogene Keime fortpflanzen und über die Weltmeere hinweg verbreiten.

Das Müllproblem wahrnehmen Dass die Plastikverschmutzung unserer Meere ernst genommen wird, dafür kämpfen Umweltschutzorganisationen seit Jahrzehnten. Die Surfrider Foundation Europe, ein internationaler Zusammenschluss von Wellenreitern, versucht unter anderem mit Strandsäuberungsaktionen das Bewusstsein der Bevölkerung zu stärken. Alleine im Jahr 2017 organisierten freiwillige Helfer 1.150 Sammelaktionen.

Dabei sind achtlose Strandbesucher längst nicht die Hauptverursacher der Plastikverschmutzung. Auch Müll im Inland wird durch Wind und Regen in die Flüsse getragen - und mit ihnen ins Meer.

Eine Studie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung Leipzig und der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf zeigt: Flüsse befördern bis zu vier Millionen Tonnen Plastikmüll pro Jahr ins Meer. Am meisten Kunststoff bringt der Jangtse in China in die Ozeane, gefolgt von Indus und dem Gelben Fluss.

EU spricht von Umweltgefahr "Das Bewusstsein für die Meeresverschmutzung ist heute deutlich höher, als noch vor zehn, zwanzig Jahren", sagt Gilles Asenjo, Präsident der Surfrider Foundation Europe. Da es nicht reicht, die Bevölkerung für die Müllproblematik zu sensibilisieren, ist die Organisation auch politisch aktiv: Mit Unterschriftensammlungen und Lobbyarbeit im Brüsseler Parlament kämpft sie dafür, dass die Probleme erkannt werden.

"Der Müll im Meer wurde in der EU-Gesetzgebung lange nicht als Umweltverschmutzung betrachtet, sondern nur als störender Anblick", sagt Cristina Barreau, Rechtsexpertin bei der Surfrider Foundation. Erst im Jahr 2008 erließ die EU die Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie, die den Müll in den Ozeanen erstmals explizit als Umweltgefahr eingestuft.

Wegen der EU-Richtlinie müssen die Länder nun als erstes prüfen, wie verschmutzt ihre Meere sind. Das ist nicht leicht: In manchen Gebieten sammelt sich aufgrund der Strömung mehr Plastik an als andernorts. Daher weichen die Messwerte stark voneinander ab. Die Eissturmvögel jagen nur auf hoher See - im Gegensatz zu Möwen, die auch am Strand nach Nahrung suchen. "In der Nordsee sind die Mägen der Eissturmvögel daher ein guter Indikator, um den Grad der Verschmutzung zu bestimmen", erklärt der Meeresbiologe Nils Guse.

Weniger Plastiktüten Dabei stellt eine Menge von 0,1 Gramm Plastik im Magen eines Eissturmvogels eine messbare Schädigung dar, heißt es im OSPAR-Abkommens zum Schutz des Nordostatlantiks. "In unseren aktuellen Untersuchung waren es im Durchschnitt 0,43 Gramm pro Tier", berichtet Guse. Mehr als die Hälfte der untersuchten Vögel lag damit über dem angestrebten Wert.

Die EU-Mitgliedsstaaten werden im Rahmen der Meeresstrategie-Richtlinie handeln müssen. Bis 2020 sollen die Länder einen "guten Zustand der Meeresumwelt" in den europäischen Meeren erreichen. In anderen Worten: Sie sollen den Müll so weit reduzieren, dass er weder im Wasser noch an den Küsten Schaden anrichtet.

Um das Ziel zu erreichen, hat die EU 2014 noch über eine weitere Gesetzesvorlage abgestimmt: Bis zum Jahr 2019 sollen alle Mitgliedsstaaten den Verbrauch von Plastiktüten um 80 Prozent verringern (im Vergleich zu 2010). Ein EU-weites Verbot zum Verkauf von Einweg-Plastik steht zur Diskussion.

Die Autorin ist Wissenschaftsjournalistin und hat einen Dokumentarfilm (White Waves) über den Kampf von Surfern gegen Müll in den Meeren gedreht.