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überfischung Kabeljau und Co vor dem Aus

Die EU hat die Fangquoten verschärft. Das reicht aber nicht, um die schwindenden Bestände zu retten

06.08.2018
2023-08-30T12:34:33.7200Z
5 Min

Stechrochen, Störe und Petermännchen schwammen einst in großen Mengen in der Nordsee - sie sind allesamt ausgestorben. Dem Kabeljau könnte bald dasselbe Schicksal drohen, auch Austern gibt es kaum noch. Schien der Reichtum der Meere einst unerschöpflich, sind die Bestände fast aller wichtigen Speisefische sowie anderer Meeresbewohner in den vergangenen Jahrzehnten auf ein Minimum geschrumpft.

Heute gelten 30 Prozent der von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) untersuchten weltweiten Fischbestände als überfischt und fast 60 Prozent als maximal befischt. Von Überfischung spricht man, wenn dauerhaft mehr Fische gefangen werden, als durch natürliche Vermehrung nachwachsen oder zuwandern. Sie gilt als Hauptursache für den massiven Rückgang der Artenbestände in den Meeres- und Küstenökosystemen. Die Bestände werden zusätzlich durch den sogenannten Beifang dezimiert, Lebensräume wurden durch industrielle Fangmethoden beeinträchtigt oder zerstört. Die Auswirkungen belasten das komplexe Ökosystem der Weltmeere nachhaltig, wenn auch mitunter zeitverzögert.

Annähernd 171 Millionen Tonnen Fisch, Krusten- und Meerestiere wurden im Jahr 2016 weltweit geerntet. Davon erbrachte der Fischfang allein 91 Millionen Tonnen - aus dem Meer waren es 79,3 Millionen Tonnen -, aus Aquakulturen stammten 80 Millionen Tonnen. Fisch zu essen, wird immer beliebter: Weltweit lag der Pro-Kopf-Verbrauch an Fisch, Krusten- und Meerestieren 2016 bei 20,3 Kilogramm. Für das Jahr 2018 prognostiziert die FAO einen Pro-Kopf-Verbrauch von mehr als 20,7 Kilogramm.

Laut aktuellem SOFIA-Report von 2018, dem im Zwei-Jahres-Rhythmus erscheinenden Statusbericht der FAO, wiesen das Mittelmeer und das Schwarze Meer 2015 mit 62,2 Prozent die höchsten Anteile an überfischten Beständen auf. Danach folgten der Südöstliche Pazifik mit 61,5 Prozent und der Südwestliche Atlantik mit 58,8 Prozent. Auch in anderen Regionen des Pazifiks ist Überfischung bereits die Regel. Einige Fischarten wie der erwähnte Nordsee-Stör sind bereits ausgestorben oder in bestimmten Gebieten ausgerottet. Als besonders bedroht gelten derzeit der Alaska-Seelachs, der Rotbarsch, der Weiße Heilbutt, der Schellfisch und der Seehecht. Alarmierende Reduktionen in den Populationen werden bei Makrele und Thunfisch gemeldet. Dazu kommt: Die meisten befischten Arten liegen weit unter ihrem normalen Gewicht, wenn sie heute aus dem Wasser geholt werden.

Nichtregierungsorganisationen wie die Deutsche Meeresstiftung oder Greenpeace befürchten, dass die tatsächliche Situation noch viel dramatischer ist. Was sie unter anderem auf die Art der Datenerhebung zurückführen. Fischer melden ihre Fangmengen an staatliche Behörden ihres Heimatlandes, zum Beispiel an Fischerei- oder Agrarministerien. Die Behörden sind wiederum verpflichtet, diese Daten an die FAO zu schicken, die daraus ihre weltweite Bestandsschätzung erarbeitet. Seit 1950 werden die Angaben auf diese Weise gesammelt. Die gemeldeten Daten seien jedoch oftmals unvollständig oder fehlerhaft, sagen die Kritiker. So meldeten Fischer zum Beispiel nur die Mengen jener Fische, die sie offiziell fangen dürfen. Außerdem werde unerwünschter Beifang nicht erfasst. Dabei handelt es sich um all jene Fische und Meerestiere, die in beträchtlichem Umfang versehentlich mitgefangen und meist wieder über Bord geworfen werden und dabei großenteils verenden.

Um die Datenbasis zu verbessern, erheben Fischereiwissenschaftler zusätzlich eigene Daten, die ebenfalls in die Statistik und das globale Gesamtbild der FAO eingehen. Gleichwohl genießen die statistischen Angaben der FAO keine allgemeine Anerkennung. Trotz aller Bemühungen liegen lediglich für etwa 500 Bestände Daten vor, die von Experten als einigermaßen gesichert anerkannt werden. Wie es um die vielen anderen Fischbestände steht, ist auch in Fachkreisen ungewiss.

Hohe Dunkelziffer In einem groß angelegten Projekt konnten die Forscher Daniel Pauly von der University of British Columbia in Vancouver (Kanada) und Dirk Zeller von der University of Western Australia in Perth anhand rekonstruierter Daten aus unterschiedlichen Quellen zeigen, dass die tatsächlichen Fangmengen über Jahrzehnte hinweg im Durchschnitt 53 Prozent über denen von der FAO angegebenen liegen dürften.

In Europa gelten 64 Prozent der Fischbestände als überfischt, 52 Prozent schon so stark, dass sie sich nach Auffassung von Experten kaum werden erholen können. Dazu seien nur noch zu wenige fortpflanzungsfähige Tiere vorhanden. Wenn aber weiterhin mehr Fische eines Bestandes gefangen werden, als schlüpfen und sich fortpflanzen können, wird der Bestand zwangsläufig weiter schrumpfen. Der Kabeljau in der Nordsee und der Dorsch in der Ostsee gelten aktuell als besonders gefährdet. Kritische Stimmen fordern für sie in jedem Fall sofortige Fischereistopps.

Für die Ostsee gibt es seit 2016 einen Mehrjahresplan, den das Europäische Parlament und der Europäische Rat verabschiedet haben. Er berücksichtigt Empfehlungen des ICES, eines Verbundes aus 350 Forschungsinstituten in 20 Mitgliedsländern. So wurden die zulässigen Fangmengen für den Dorsch in der östlichen Ostsee um weitere acht Prozent gekürzt, um die Erholung der dortigen Bestände zu unterstützen. Auch die ebenfalls 2016 eingeführte Beschränkung der Freizeitfischerei auf fünf beziehungsweise drei Dorsche pro Tag und Angler wird weiter fortgeführt. Für 2018 erhöhten die EU-Agrarminister allerdings die Fangquoten für Hering und Sprotte. Bei Lachs erfolgte eine Senkung um fünf Prozent. Beschlüsse zum Aal, der ebenfalls vom Aussterben bedroht ist, wurden nicht gefasst.

Die Fangmethoden beeinflussen die Fischbestände ebenfalls. Stichwort Beifang: Bleiben zum Beispiel zu kleine, weil noch nicht ausgewachsene Fische in zu engen Netzen hängen, fehlen sie für den Fortbestand der Art. Auch der Lebensraum der Fische kann durch die Fischerei leiden. Beim Schollenfang etwa werden schwere Netze bis zum Meeresgrund heruntergelassen, diese fegen den Meeresboden gleichsam auf. Zwar hat sich die Zahl der Fischereischiffe und Boote in den vergangenen Jahren nicht erhöht, wohl aber ihre Leistungsfähigkeit. Fische können aus immer größerer Tiefe gefangen werden, sodass Rückzugsgebiete schwinden.

Für die Erholung der Bestände wären nach Expertenmeinungen eine konsequente Ausweisung von Meeresschutzgebieten, weitere Schongebiete und Schonzeiten, Mindestmaschenweiten für Netze, die weitere Reduzierung der Fangquoten und vor allem klare Regelungen über Beschränkungen von Beifängen und die verpflichtende Verwendung des Beifangs wichtig. Mit einer wirksamen Regelung zur Bekämpfung der illegalen Fischerei müsste zukünftig ein lückenloser Nachweis über die Herkunft der Fischereierzeugnisse geführt werden.

Die Einführung von verbindlichen Qualitätssiegeln, an denen Verbraucher die Herkunft des Fisches erkennen können, wäre ebenfalls ein wichtiger Schritt. Kontrollen sollten verschärft und abschreckende Strafen eingeführt werden. Den bedrohten Fischen hilft das aber erst, wenn die Mitgliedstaaten sich striktere Regelungen zu Eigen machen und konsequent durchsetzen.

Die Autorin ist freie Fachjournalistin.