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Kreuzfahrten Wenn Hochhäuser an Venedig vorbeifahren

Der Tourismus auf Passagierschiffen ist ein bedeutender Wirtschaftszweig, aber auch ein großer Umweltsünder

06.08.2018
2023-08-30T12:34:33.7200Z
3 Min

Eine Dachterrasse mitten in Venedig. Es ist der Höhepunkt der neuen Wohnung der Familie Natale. Der Blick von dort ist beeindruckend. Links prangt die Sankt Barnabas Kirche. Wer sich reckt, schaut auf den gleichnamigen Platz. Mit ihrer teils bröckelnden Fassade strahlen die Häuser hinten den für Venedig so typischen morbiden Charme aus. Wer hier oben sitzt, versteht, warum es Touristen in diese Stadt zieht. Die Dachterrasse ist aber auch der perfekte Ort, um vor Augen geführt zu bekommen, wie überdimensioniert Kreuzfahrttourismus mittlerweile ist. Es gibt kaum eine Stadt, an der so deutlich gemacht werden kann, wie schädlich der Massentourismus, der übers Meer kommt, sein kann.

Denn obwohl noch mehrere hundert Meter Luftlinie und etliche Häuserreihen vom Giudecca Kanal entfernt, sind die Kreuzfahrtschiffe von der Dachterrasse aus zu sehen, kurz bevor sie am Piazza San Marco, dem berühmtesten Platz Venedigs, vorbeiziehen. "Als ich kurz nach dem Einzug das erste Mal auf der Terrasse entspannt beim Tee saß und plötzlich hinter den Häusern ein Hochhaus vorbeifahren sah, war ich völlig perplex. Es war ein Kreuzfahrtschiff, dass alle Dächer Venedigs überragte. Ein Schiff größer als alle Paläste der Stadt, total überdimensioniert", erzählt Rossella Natale, die in Venedig eine Sprachschule betreibt. Im größtenteils nicht sonderlich wohlhabenden Mittelmeerraum steht der Tourismus für elf Prozent der Beschäftigung und ist damit eine bedeutende Einnahmequelle für die Region. Die Zahl der Touristen wird bis 2020 auf geschätzte 350 Millionen pro Jahr steigen. Das birgt Gefahren. So heißt es im "Plan Bleu" titulierten Bericht für die Region, "das Wirtschaftswachstum durch Tourismus ist häufig zu Lasten der Umwelt und des sozialen Kapitals gegangen." So wird es wohl weitergehen. Damit bleibt die Nachhaltigkeit auf der Strecke. Irgendwann können die durch den Massentourismus angerichteten Schäden so groß sein, dass Teile der Region nicht nur kaum mehr bewohnenswert erscheinen, sondern auch so unattraktiv sein, dass die Reisenden ausbleiben. Zurück bliebe dann nur noch der Schaden.

Fassaden angegriffen Das lässt sich an Venedig gut veranschaulichen. Es ist nicht nur das Problem, dass die riesigen Schiffe über ihre Schornsteine enorme Mengen Abgase in die Luft pusten, die die Fassaden der Häuser und Lungen der Bewohner angreifen. Unter der Wasseroberfläche geschehen ähnlich schlimme Schäden. Die Kreuzfahrtschiffe gehören Kategorien von 50.000 bis 100.000 Tonnen an und verdrängen entsprechend viel Wasser mit erheblichem Druck. Das bedroht die Unterwasserflora sowie -fauna. In Venedig werden so auch die Fundamente der alten, quasi im Wasser erbauten Häuser gefährdet.

Mit über 30 Millionen Kreuzfahrtpassagieren jährlich ist die Mittelmeerregion bei diesen Touristen besonders gefragt, wobei mit 75 Prozent der Häfen der weitaus größte Teil im Norden der Region, also den EU-Staaten Spanien, Frankreich, Italien, Kroatien und Slowenien angesiedelt ist und nur unter zehn Prozent in Nordafrika (Zahlen von 2013). Auch wenn viele Kreuzfahrtschiffe umweltfreundlicher geworden sind, nimmt die Belastung durch diese zu, weil die Zahl der Passagiere so stark wächst. Die UN beklagen den Überverbrauch der knappen Ressource Trinkwasser - was besonders in Nordafrika die Landwirtschaft gefährdet - und die Verschmutzung der Meere durch Abfall. Kreuzfahrtschiffe leiten oft ungereinigte Abwässer ins Meer ein und verschmutzen die Luft signifikant. Dazu kommt, dass die Einnahmen durch diesen Tourismus sehr ungleich verteilt sind. Vor allem die finanzstarken Kreuzfahrtkonzerne machen Geld. Bei den Orten, an denen die Boote anlanden, bleibt dagegen wenig hängen. Schließlich verbringen die Reisenden viel Zeit auf den Schiffen und nehmen dort auch den Großteil der Mahlzeiten ein. Tourismus kann ein wichtiger Wirtschaftszweig sein. Aus ökologischer Sicht ist allerdings zu wünschen, dass die Touristen lieber mit dem Bus oder Zug anreisen und statt nur ein paar Stunden lieber ein paar Tage bleiben und dafür weniger Ziele ansteuern.