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Parlamentarisches Profil
Sandra Schmis
Der Brexit-Fan: Martin Hebner

D er Euro? Eine "Fehlkonstruktion." Die EU-Kommission? Ein unnötiger "Wasserkopf". Die EU als Ganzes? "Eine mit deutschen Steuermilliarden finanzierte Schönwetter-Schimäre". Harsche Kritik an der Europäischen Union ist man von der AfD gewohnt. Martin Hebner, AfD-Abgeordneter aus dem bayerischen Dießen am Ammersee, macht da keine Ausnahme. Im Gegenteil: Seit seinem Einzug in den Bundestag vor drei Jahren feiert der 61-Jährige als Mitglied des Europa-Ausschusses den EU-Austritt Großbritanniens und lässt keinen Zweifel daran, was er sich für die EU wünscht. "Wenn der Brexit ein Erfolg wird, ist das der Anfang vom Ende der EU", zitiert er etwa auf Facebook den Vorsitzenden der EVP-Fraktion im Europaparlament, Manfred Weber (CSU), und kommentiert: "Viel Erfolg also, Britannien!"

Die Briten holten sich jetzt zu Recht die Kontrolle über ihr Land zurück, erklärt Hebner im Gespräch, das in Zeiten von Corona am Telefon stattfindet. "Die Corona-Krise zeigt es doch einmal mehr: Die EU ist handlungsunfähig. Was zählt, sind die Nationalstaaten", betont der gebürtige Frankfurter mit weich und freundlich klingendem Zungenschlag. Von den so oft zitierten gemeinsamen europäischen Werten merke er in der Krise nichts: "Solidarität gibt es nur innerhalb der Länder, nicht länderübergreifend in der EU", sagt Hebner. Gemeinschaft zeige sich nur in der Forderung nach Eurobonds und einer "Vergemeinschaftung der Schulden", moniert der Ökonom und Diplom-Informatiker.

Neben der Migrationspolitik war es auch gerade die Kritik an der EU und ihrer Gemeinschaftswährung, die Hebner seine politische Heimat in der AfD finden ließ. Als Teilnehmer der Gründungsparteitags 2013 ist der selbständige IT-Berater Mitglied der ersten Stunde. Seine Kandidatur für den Bundestag hatten viele dennoch nicht auf dem Zettel: Überraschend landete der vierfache Familienvater, der sein Abitur in Augsburg machte und später an der TU München studierte, 2017 auf Platz eins der bayerischen Landesliste. Hebner, im Landesvorstand zuständig für Programmatik, werde zwar als "Buchhalter-Typ" wahrgenommen, sei aber intern gut vernetzt, schrieb die Süddeutsche Zeitung.

Seine Mehrheit soll er sich so auch im völkischen Flügel organisiert haben. Als "originärer Vertreter" gilt der sachorientiert auftretende Hebner aber nicht, auch wenn er auf Facebook offen mit dessen Wortführer Björn Höcke sympathisiert. In seinen Reden im Bundestag betont er, er stelle sich nicht grundsätzlich gegen Europa. Nationale Abschottung sei "Nonsense" und "Verständigung" zwischen den Staaten unerlässlich. "Wir sind weltoffen", erklärt Hebner, der nach eigenen Angaben selbst lange Jahre im Ausland tätig war - unter anderem als Abteilungsleiter für die Deutsche Genossenschaftsbank, heute DZ Bank, in New York, Hong Kong und London. Das stärkste Argument für Europa sei der Binnenmarkt. Aber: "Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft hätte gereicht, es braucht nicht die EU."

Auch viele Briten, die beim Referendum über die EU-Mitgliedschaft 2016 für "leave" gestimmt hätten, sähen das so, sagt Hebner. Seine Freunde in Cambridge etwa, mit denen er und seine Frau seit über 35 Jahren in engem Kontakt stünden, seien durchaus "in der Kultur Europas" verhaftet. Er selbst bezeichnet Irland, wo er an der Westküste ein Haus besitzt, als "zweite Heimat". Die Vorteile der Freizügigkeit in der EU offenkundig nutzend, ist sich Hebner dennoch sicher, dass es Großbritannien außerhalb der EU besser gehen werde. Da mag die Mehrheit der Ökonomen auf beiden Seiten des Ärmelkanals noch so eindringlich vor den negativen Folgen des Brexits warnen, das Vereinigte Königreich sei letztlich "better off out". Genauso wie Deutschland. In der Corona-Krise beschwört Hebner auf Facebook bereits das Ende der Europäischen Union: "Sie ist tot! Hoffentlich!"

Aus Politik und Zeitgeschichte

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