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Weissrussland
Paul Flückiger
Hohe Strahlkraft

34 Jahre nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl will Präsident Lukaschenko ein eigenes Atomkraftwerk in Betrieb nehmen. Die Bewohner von Astrawets und dem Nachbarland Litauen sind beunruhigt

Von weitem sieht es aus wie ein überdimensioniertes Straflager. Im dichten Nebel sind Stacheldraht und Wachtürme besser auszumachen als die etwas weiter entfernten Reaktorblöcke. Mächtig erheben sich einzig ganz hinten die Kühltürme aus der Nebelmasse. Der Fahrer startet den Wagen durch, denn wer hier langsam unterwegs ist, fällt unnötig auf. Gegenüber des weitläufigen Atomkraftwerks sind mindestens fünf Raketenstaffeln und moderne Kasernen auszumachen. Sie sollen die Anlage offensichtlich beschützen.

Der altgediente Fahrer mit seiner dicken sowjetischen Brille kennt die Gegend rund um die Provinzstadt "Astrawets" (russisch: Ostrowets), rund 200 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Minsk, wie seine Westentasche. Und er versteht die Mentalität im weißrussisch-litauischen Grenzgebiet. "Sich ducken, ja nichts gegen die Macht sagen, denn das bringt nur Unglück", brummt der Fahrer. "Was sollen wir schon aufbegehren, nun wo das AKW gebaut ist?", räsoniert er.

Gut 34 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl will ausgerechnet Weißrussland, wegen der damals herrschenden Nordwinde das größte Opfer des GAUs, bald sein erstes eigenes AKW in Betrieb nehmen. "Uns hat keiner gefragt, ob wir das überhaupt wollen", klagt Iwan Krug. Der ehemalige Lokalpolizist ist heute einer der bekanntesten und letzten verbliebenen AKW-Gegner vor Ort. Staatspräsident Alexander Lukaschenko habe sich in Astrawets durchgesetzt, wie er es immer mache. "Einschüchtern und isolieren, manchmal auch mit lukrativen neuen Stellen ködern", fasst Krug zusammen. Als erste seien die Jungen von der lokalen Protestbewegung abgesprungen, später auch Rentner wie er.

Bis heute sterben Bewohner an Krebs, die damals rund um Tschernobyl der enormen Strahlendosis ausgesetzt waren. Bis 2010 sollen es in Weißrussland mindestens 4.000 Tote gewesen sein. Seitdem wird nicht mehr so genau gezählt, da man in Minsk inzwischen selbst auf Atomstrom setzt. Dazu kommen immer wieder Waldbrände in der verlassenen Gegend, wie sie gerade in der Ukraine seit Wochen wüten. Sie treiben je nach Windrichtung Staubwolken auf die Stadt Kiew oder Gomel in Weißrussland zu. Zwar heißt es regelmäßig, diese seien nicht radioaktiv belastet, aber die Bevölkerung macht sich trotzdem Sorgen. Auch in Astrawets, das 500 Kilometer nordöstlich von Tschernobyl liegt, doch viele Einwohner des Provinzstädtchens sprechen darüber nur hinter vorgehaltener Hand.

Acht Jahre lang wurden 15 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt mit einem gebundenen Moskauer Kredit von mehr als neun Milliarden Euro zwei Reaktorblöcke russischen Typs gebaut. Der erste Reaktorblock des AKW soll spätestens im Juli in Betrieb genommen werden und im September ans Netz gehen, der zweite im Jahr 2021 folgen. "Dies ist ein großer Schritt, um unsere energetische Sicherheit zu garantieren, ein Motor des Fortschritts, der innovativen Entwicklung", schwärmt Lukaschenko. Der Autokrat hat das AKW zu seiner Chefsache erklärt, nachdem er vor 26 Jahren mit dem Versprechen "nie ein AKW in Weißrussland zu bauen" an die Macht gekommen war.

Die Einwohner von Astrawets berichten indes von Bränden und haarsträubenden Unfällen beim Bau. Mindestens zehn Todesopfer soll das Projekt bisher laut der Minsker Umweltschutzgruppe "Ekodom" gekostet haben. 2016 war gar die Reaktorhülle aus Stahl vom Kran gefallen. Ohne dabei Schaden zu nehmen, wie in Minsk geflissentlich versichert wurde.

"In unserm Werk ist alles absolut sicher", ist Edward Swirid, der Chef des AKW-Informationszentrums in Astrawets, überzeugt. "Wir Weißrussen haben aus Tschernobyl und Fukushima gelernt". Swirid besitzt gut gestylte Infogramme und eine eindrückliche Unfallsimulation auf Video, die seinen Standpunkt untermauern. Und die Bedenken der Opposition ebenso kontern, wie die Litauens, das seit Jahren gegen das grenznahe AKW protestiert. Gerade einmal 20 Kilometer sind es von den beiden Reaktorblöcken in den Baltenstaat, nur 40 Kilometer entfernt liegt die Hauptstadt Vilnius.

Dort geht die Angst um. Millionen von Jodtabletten hat die litauische Regierung vorsorglich gekauft. Sobald der erste Reaktorblock ans Netz geht, sollen sie landesweit verteilt werden.

Stadt im Wachstum Rund um den Informations-Pavillon in Astravets werden derweil moderne Wohnblocks, Fußgängerzonen, Spielplätze und Supermärkte hochgezogen. An der Stadtausfahrt Richtung Vilnius entsteht ein komplett neues Quartier. Tausende von Kraftwerkmitarbeitern sollen hier unterkommen, das Städtchen soll dank des AKW von heute 8.000 auf mehr als 30.000 Einwohner anwachsen.

Mikalai Ulasewitsch öffnet einen dicken Ordner. "Hier sind wir abhörsicher und ich kann frei sprechen", sagt der lokale Öko-Aktivist in seiner Gartenlaube. "Ich bin Geograf, ich kenne die Gefahren und bin gegen das AKW, weil auch noch meine Enkel hier leben können sollen", begründet er seine Bedenken. Vier Kilometer sind es von seinem Haus bis zum Atommeiler "Astravets". Vor vier Jahren sind ihm schlimme Bausünden beim AKW zu Ohren gekommen, über Facebook versuchte er damals Alarm zu schlagen, gebracht hat es nichts. "Dies ist eben Weißrussland", sagt Ulasewitsch verbittert. Aber auch Hilfe von außen erwartet er nicht. Er ist sicher, dass selbst die Kontrolleure der internationalen Atomenergiebehörde Atom-Fan Lukaschenko bei der Inbetriebnahme helfen werden.

Der Autor ist freier Korrespondent in Warschau.

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