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Götz Hausding
Deutsche essen nach wie vor zu fett

Experten attestieren Reduktionsstrategie handwerkliche Schwächen

Die Deutschen ernähren sich nach wie vor "zu fett und zu energiereich". Das machte der Ernährungsmediziner Professor Hans Hauner von der Technischen Universität München vergangene Woche während eines öffentlichen Fachgespräches zum Thema "Kompetenzcluster Ernährungsforschung in Deutschland" im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft deutlich. Das Essen der Deutschen enthalte zu viel Zucker und Stärke in hochverarbeiteten Lebensmitteln, sagte er. Es entspräche nach wie vor bei weitem nicht dem, was etwa die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt.

Die Nationale Strategie der Bundesregierung für die Reduktion von Zucker, Fetten und Salz in Fertigprodukten enthält aus Sicht Hauners "eine Reihe handwerklicher Schwächen". Zwar sei die Initiative grundsätzlich gut. Aber: "Man darf es nicht als Selbstverpflichtung machen", sagte er. Erfahrungen aus dem Ausland zeigten, dass Selbstverpflichtungen ohne klare Vorgaben und Sanktionsmöglichkeiten "in der Regel erfolglos sind".

Ein Lösungsansatz könnte laut Hauner sein, beliebte Fastfood-Produkte gesünder zu machen. Das sei technologisch sehr einfach zu machen, "ohne dass die Produkte dadurch sehr teuer werden". Die Industrie werde aber diesen Weg nicht von sich aus gehen, gab er zu bedenken.

Als problematisch bewertete der Ernährungsmediziner, dass viele Kinder-Fernsehprogramme sich über Werbung für ungesunde Lebensmittel finanzierten. Kinder seien leicht manipulierbar und würden darauf "reihenweise reinfallen".

Die Ernährungswissenschaften seien auf die Prävention orientiert, erläuterte Professor Tilman Grune vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam. Wesentliche methodische Instrumente seien dennoch gleichzusetzen mit der Medizin. So seien für Ernährungswissenschaftler epidemiologische Kohortenstudien und Interventionsstudien interessant, um ihre wissenschaftlichen Hypothesen zu überprüfen. Die derzeit vorhandenen Studien würden jedoch nur randständig die Ernährung thematisieren, sagte Grune. Die in der Medizin üblichen multizentrischen Interventionsstudien gebe es de facto in der Ernährungswissenschaft nicht.

Grune bezeichnete die Frage der Nachhaltigkeit als eine besondere Herausforderung. "Von einer gesunden Ernährung zu reden, ohne eine nachhaltige Lebensmittelproduktion zu erwähnen, ist richtig schädlich", befand er. Hier gebe es für die Ernährungswissenschaften eine "klare Aufgabe für die Zukunft".

Die Idee, Zucker in Lebensmitteln durch Süßstoffe zu ersetzen, nannte Grune "gefährlich". Damit erfolge ein "Training des Geschmacks in die falsche Richtung".

Ernährungsbildung Professor Stefan Lorkowski von der Uni Jena forderte dazu auf, die Reduktionsstrategie der Bundesregierung in ein größeres Gesamtkonzept zu stellen. "Ohne ein entsprechendes Bildungskonzept wird eine Reduktionsstrategie an ihre Grenzen stoßen", sagte er. Zu kritisieren sei, dass das Thema Ernährung beim Medizinstudium "in so gut wie allen Fachdisziplinen" fehle. Hier bedarf es aus seiner Sicht einer "grundlegenden Überarbeitung des Curriculums".

Mit Blick auf die Ernährungsbildung in Kitas und Schulen sagte Lorkowski, es gebe dort eigentlich das "ideale Setting", um mit regulatorischen Maßnahmen Erfolge zu erzielen. Gebe es in Kitas - mit entsprechenden Subventionierungsmodellen - verpflichtend eine vollwertige Verpflegung, könnten Kinder auf einen entsprechenden Geschmack geprägt und an eine entsprechende Ernährung gewöhnt werden, sagte Lorkowski.

Der Biochemiker und Ernährungswissenschaftler sprach sich unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit gegen ein vollständig kostenloses Kita- und Schulessen aus. Ein eigenverantwortlicher Anteil der Eltern sei sinnvoll und helfe, "Abfall zu vermeiden".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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