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Parlamentarisches Profil
Jan Rübel
Der Realpolitiker: Stefan Liebich

G emütlich um sechs in der Früh ist er aufgestanden, um sich für das Interview um sieben vorzubereiten. "Warum sich die Nacht um die Ohren hauen?", fragt Stefan Liebich und erinnert an vor vier Jahren, als auch erst am Morgen feststand, wer ins Weiße Haus zieht. Es ist Mittwochmittag, der Tag nach den US-Präsidentschaftswahlen.

Hätte er gedacht, dass Donald Trump so stark abschneidet? "Meine Gedanken waren wohl sehr von Hoffnung geprägt", erklärt der Linken-Abgeordnete seine Überraschung und verweist darauf, wie viele Versprechen der US-Präsident erfüllt hat: die Personalpolitik rund um den Obersten Gerichtshof, die Steuersenkung, die gestiegenen Verteidigungsausgaben. Und der Kandidat der Demokraten? "Joe Biden ist so links wie Angela Merkel, und er wird als Sozialist verschrien."

Liebich muss grinsen. Ist er doch tatsächlich einer. 1990, mit 18, trat er in die PDS ein, hatte sich in der DDR in der Jugendorganisation FDJ engagiert. Und legte eine lange Reise hin: vom Bezirksvorsitzenden der Partei in Marzahn hin zum Transatlantiker. Dazwischen liegen 25 Jahre parlamentarische Erfahrung für den heute 47-Jährigen. Liebich war lange Obmann der Linken im Auswärtigen Ausschuss des Bundestags und ist Vizevorsitzender der Parlamentariergruppe USA. "2002 war ich privat in Amerika", erinnert er sich an die Anfänge seines Interesses am Land. "Ich stand am Krater von Ground Zero in New York, da passierte etwas in mir". Liebich ist ein gestandener Linker. "In DDR- und Westlinken-Kreisen kursiert die Vorstellung von den USA als homogener böser Block, und davon war ich damals nicht frei", sagt er. "Doch das ist für jede Gesellschaft falsch." Er verweist auf die lebendigen Debatten in den USA, darauf, dass im Schatten der jetzigen Wahlen in den USA zwei Bundesstaaten für die Legalisierung von Marihuana stimmten und eine Transfrau zur Senatorin gewählt wurde.

Zuerst in der PDS, dann in der umbenannten Linken, ist er einer der führenden Realpolitiker geworden, gerade in der Außenpolitik erlebte er stete Parteischarmützel. Dass er dann auch noch Mitglied im Netzwerk "Atlantik-Brücke" wurde, als erster seiner Partei, nahmen ihm manche übel, es gab gar bei einem Bundesparteitag die Forderung, er müsse sich entscheiden: Partei oder dieses Transatlantiker-Netzwerk. 2018 trat er aus, als Kompromiss dafür, dass er in der Fraktion außenpolitischer Sprecher wurde.

Doch nun die dosierte Bremse. "Bei meinem Alter ist jetzt der beste Zeitpunkt, etwas Neues anzufangen", begründet er seine Entscheidung, zum Ende der Legislatur nicht mehr zu kandidieren. Er habe Ideen zu seiner beruflichen Neuorientierung, aber noch keine Entscheidung.

Vor dieser Laufbahn hatte er Betriebswirtschaftslehre in Berlin studiert, ein duales Studium bei IBM, "ein halbes Semester Studium, ein halbes Semester Arbeit, der Monatslohn lag bei 1.400 D-Mark"; seine Eltern hätten ihm nahelegt, sich finanziell auf sichere Beine zu stellen, wolle er ausziehen: Liebich hat zwei jüngere Geschwister, der Vater war damals arbeitslos. Zum Studienabschluss 1995 hatte er dann einen Arbeitsvertrag bei einer IBM-Tochterfirma in Hannover in der Tasche - sein Leben hätte auch eine andere Kurve nehmen können.

Seine politisch prägendste Zeit sei übrigens nicht der Bundestag gewesen, in dem er seit 2009 die Linke vertritt. 2001/2002, er saß bereits seit fünf Jahren im Berliner Abgeordnetenhaus, führte Liebich seine Partei gemeinsam mit Gregor Gysi und Harald Wolf in eine Koalition mit SPD und Grünen auf Landesebene, die er bis 2006 als Fraktionsvorsitzender begleitete. "Ich weiß, was es bedeutet, Regierungsverantwortung zu übernehmen."

Wehmut entdeckt man bei ihm nicht. Während die Kollegen sich derzeit für Listenplätze wappnen, in Wahlkämpfe gehen, ist Liebich auf Abschiedstour. Die Infostände samstags frühmorgens, sagt er, werde er kaum vermissen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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