Inhalt

Parlamentarisches Profil
Jan Rübel
Die Besonnene: Ulrike Bahr

D er Stimme von Ulrike Bahr ein Unbehagen zu entlocken, fällt schwer. Ruhig und entspannt klingt die SPD-Bundestagsabgeordnete an diesem Morgen um 8.30 Uhr, lässt am Telefon dazu ein bayerisch-schwäbisches R rollen. Doch kommt das Gespräch auf Schulbildung in Zeiten von Corona, legt sich ein Bedauern auf ihre Zunge. "Wir haben eben den Föderalismus", sagt sie.

Herbst 2020, Schulen funktionieren im Teil-Lockdown irgendwie - die einen gut, die anderen weniger. Schulklassen werden in Quarantäne geschickt oder üben sich in "hybridem Lernen", also teils in der Schule, teils zuhause. Und dann gibt es jene Schulen in Deutschland, die haben nicht einmal Internet.

"Der Bund hat den Digitalpakt angeschoben", sagt Bahr, "nun gibt es einen unterstützenden Rahmen, der auch genutzt werden muss". Während die erste Welle der Pandemie auch das Bildungswesen kalt erwischte, erweisen sich nun bei der zweiten nicht alle Schulen darauf eingestellt. "Im Sommer haben alle erstmal durchgeschnauft", sagt Bahr , "aber man hätte sich besser wappnen können, die Länder hätten mitdenken können". Sie verweist auf mögliche Mittel, mit der Pandemie umzugehen: etwa kleinere Klassen, individuellere Bildung, andere Gebäude, Schichtbetrieb. "Die gesammelten Erfahrungen hätte man koordiniert aufarbeiten können, um Best-Practice-Beispiele herauszuarbeiten." Hätte.

Bahr ist selbst Lehrerin, stammt aus einer Lehrerfamilie. Im Bundestag, in dem die 56-jährige Augsburgerin seit 2013 sitzt, ist sie Mitglied im Bildungsausschuss und im Familienausschuss; eine Mehrbelastung, weil dadurch viele Komplexe zu bearbeiten sind, "aber es passt thematisch gut zueinander", sie denke da zum Beispiel an die Ganztagsförderung. Bahr ist also Berichterstatterin ihrer Fraktion unter anderem für Kinder- und Jugendhilfe, Mehrgenerationenhäuser sowie für Weiter- und Fortbildung.

Dass sie einmal für die SPD hauptberuflich Politik machen würde, noch dazu als Mitglied der Parlamentarischen Linken, war nicht unbedingt abzusehen. Die Eltern nicht sehr politisch, konservativ-katholisch geprägt, "eher der CSU als der SPD zugetan". Bahr engagierte sich indes als Jugendliche, zum Beispiel für ein Jugendzentrum. Erst später, als Studentin, trat sie der SPD bei. "Da waren daheim im Ort einige nicht glücklich damit", also in Wemding, einem 5.600-Einwohner-Städtchen, wo sie im Kirchen- und im Schulorchester geigte und seit dem elften Lebensjahr im Basketballverein spielte, später als Center, und die Kinder sowie Jugendlichen trainierte. Noch im Studium am Wochenende fuhr sie heim, wegen der Spiele.

Es gab durchaus Fußstapfen. Ihr Vater war Hauptschullehrer, und auch Bahr entschied sich für diesen Weg, "wenn Lehramt, dann für jene Schüler, die besonders viel Pädagogik und Unterstützung brauchen"; also jene, die im Schul-Lockdown heute die ersten sind, die abgehängt werden, weil ihre Eltern die wegfallende pädagogische Betreuung weniger auffangen und die Bahr in diesen Tagen besonders ins Augenmerk nimmt: "Klar, die soziale Schere im Bildungsbereich hat sich seit März geweitet. Auch das bringt die Digitalisierung eben mit sich."

Ungerechtigkeiten wurden für Bahr zum Dauerthema. In den 1980er Jahren stritt sie dagegen, dass bei Kindern schon nach der vierten Klasse entschieden wurde, welche weitergehende Schule sie besuchen würden, "das waren Entscheidungswege, die später sehr schwer zu revidieren sind". Und sie wundert sich heute, dass sich mancherorts nicht viel geändert habe. Viele Jahre arbeitete sie als Hauptschullehrerin. Bahr engagierte sich in der Gewerkschaft, zog in den Rat der Stadt Augsburg, wurde Vorsitzende der SPD Augsburg. Ihr Stadtratsamt gab sie mit dem Bundestagseinzug ab, da sie kein Doppelmandat ausüben wollte.

Heute kündigt sich ein langer Tag an. Plenarsitzung, zwei Ausschusssitzungen, dazwischen Gespräche. Basketball spielt sie nicht mehr, in Berlin sei es ja ein komplett anderes Leben. "Obwohl, schön wär's."

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag