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EDITORIAL
Alexander Heinrich
Präsent an den Schulen

In Bert Brechts Stück "Das Leben des Galilei" weigert sich der Forscher hartnäckig, Florenz zu verlassen, auf dessen Straßen die Pest umgeht. Auf das privilegierte Angebot, der Stadt in der Kutsche des Großherzogs den Rücken zu kehren, verzichtet der Universalgelehrte. Er müsse weiter "Beweise für gewisse Behauptungen sammeln", zum Beispiel die, dass die Erde sich um die Sonne dreht und nicht umgekehrt.

Die Szene kann auf etwas aufmerksam machen, das über die Corona-geplagte Gegenwart hinausweist: Es gibt jenseits des ermüdenden und gleichwohl nötigen zweiten pandemiebedingten Einfrierens und Verbietens weiterhin bleibend Wichtiges und Wichtigeres als diese Infektionskrankheit, so sehr sie uns heute beschäftigen mag und so wenig man sie unterschätzen oder gar bagatellisieren darf. Und das ist zum Beispiel Bildung.

In diesem Sinne kann man den Entschluss der Länder und des Bundes in der vergangenen Woche deuten, am Präsenzunterricht der Schulen weiter festzuhalten, wo immer das möglich ist. Es macht einen Unterschied, ob man Restaurants schließt oder Schulen als Orte der Vermittlung von Wissen und Weltverständnis, bei allen Härten, die den Gastronomen entstehen. Schulen sind nicht pauschal Treiber des Infektionsgeschehens, und dort wo dieses unkontrollierbar zu werden droht, lässt sich mit Einzelmaßnahmen wie Quarantänen, Wechselunterricht, Maskenpflicht, Schnelltests reagieren.

Jeder Forscher, auch der Virologe mit den strengsten Corona-Empfehlungen, stand in seiner Karriere einmal vor der Erkenntnis, selbst nur ein Zwerg auf den Schultern von Riesen zu sein. Der akademische Weitblick verdankt sich dem Wissen, das Generationen von Forschern zuvor aufgeschichtet haben. Das Handwerkszeug für alle Welterkundung wird in der Schule gelehrt. Es wird auch dann noch gebraucht, wenn Corona längst Geschichte ist.

Anders als im 17. Jahrhundert ist die Menschheit Seuchen heute nicht wehrlos ausgeliefert. Sie kann mit Antibiotika beziehungsweise durch Impfen Infektionsalbträumen wie damals in der Regel wirksam begegnen - auch dies verdankt sich dem Forschergeist von Gelehrten wie Galileo Galilei. Er kam in Brechts Stück übrigens nicht ohne Schule aus: Für seine Berechnungen suchte er in einer verwaisten Florentiner Lehranstalt nach einer Karte der Umlaufzeit des Merkur.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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