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Claus Peter Kosfeld
Keim mit Krönchen

Ausbreitung des neuen Coronavirus in Deutschland bisher erfolgreich verhindert

Die Optimisten hatten auf eine rasche Entwarnung gehofft. Dafür ist es viel zu früh, denn die Zahl der mit dem neuen Coronavirus Sars-CoV-2 infizierten Patienten in China steigt weiter stark an. Am vergangenen Freitag bestätigten die Behörden rund 64.000 Erkrankungen und mindestens 1.400 Todesfälle. Die sprunghafte Zunahme der Infektionszahlen hängt auch mit einer neuen Zählweise zusammen. Es werden nun alle Fälle mit Symptomen für die Lungenkrankheit Covid-19 mitgerechnet, auch ohne Laborbefund. Ohnehin haben Experten immer darauf hingewiesen, dass die Dunkelziffer viel höher liegt, als die offiziell bestätigten Fälle. Das Virus ist mittlerweile in zahlreichen Ländern aufgetreten, in Deutschland waren es zuletzt 16 bestätigte Fälle.

Ähnlichkeiten Der Keim ähnelt dem SARS-Virus (Severe Acute Respiratory Syndrome), das 2002/2003, auch von China ausgehend, viele Menschenleben gekostet hat. Bei der SARS-Epidemie war der Anteil der tödlichen Krankheitsverläufe allerdings deutlich höher. Das neue Coronavirus wird von Tier zu Mensch übertragen und von Mensch zu Mensch. Es soll sich im Dezember 2019 auf einem Geflügel- und Fischmarkt in Wuhan verbreitet haben, auf dem auch lebende Wildtiere gehandelt werden. Was die ersten Übertragungen verursacht hat, ist noch nicht geklärt. Als Reservoir für das SARS-Virus galten Fledermäuse, es wurden damals aber auch Viren bei Schleichkatzen und Hauskatzen nachgewiesen.

Engpass befürchtet Die EU-Gesundheitsminister verständigten sich auf ein konzertiertes Vorgehen und nehmen dabei auch in den Blick, dass die Virus-Krise zu Arzneimittelengpässen führen könnte, weil viele Medikamente in China produziert werden, darunter Wirkstoffe in der von der Epidemie besonders betroffenen Provinz Hubei. Auch der Bundestag beschäftigte sich vergangene Woche in einer Aktuellen Stunde mit dem neuen Coronavirus. Fachpolitiker erklärten, die Krise mache deutlich, wie wichtig die internationale Gesundheitspolitik in Zeiten der Globalisierung sei.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der vergangene Woche den Gesundheitsausschuss des Parlaments und das Plenum informierte, sagte, das Robert-Koch-Institut (RKI) schätze die Gefahren für die Gesundheit in Deutschland weiter als gering ein. Er betonte: "Wir sind wachsam, wir sind aufmerksam, wir sind gut vorbereitet." Es sei gelungen, eine schnelle Ausbreitung des Virus zu verhindern. Damit werde Zeit gewonnen, um den Keim zu analysieren, denn das Wissen über Ansteckungswege und den klinischen Verlauf sei noch zu gering. Der Minister räumte ein, es sei nicht ausgeschlossen, dass sich aus der Epidemie in China eine globale Pandemie entwickle. Es könnte zunächst noch schlechter werden, bevor es besser werde, sagte er und sprach von einer "dynamischen Lage". Wichtig sei jetzt die Aufklärung der Öffentlichkeit und Fachöffentlichkeit, um Spekulationen und Unsicherheit in der Bevölkerung zu verhindern. Zurückweisungen und Diskriminierungen im Zusammenhang mit der Epidemie seien inakzeptabel. Nach Ansicht Spahns könnten solche Epidemien künftig häufiger auftreten. Wichtig sei daher die internationale Abstimmung.

WHO Auch Heike Baehrens (SPD) verwies auf die Notwendigkeit, sich in der Gesundheitspolitik global abzustimmen. Im Fall des neuen Coronavirus habe das Krisenmanagement zwischen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und nationalen Behörden und Forschungseinrichtungen funktioniert. Die WHO habe richtig gehandelt und den internationalen Gesundheitsnotstand ausgerufen. Die Rolle der WHO sei gar nicht hoch genug einzuschätzen, es sei die einzige normgebende Instanz im Gesundheitsbereich. Die WHO müsse daher auch finanziell gestärkt werden. Es gebe eine realistische Chance, den Ausbruch zu stoppen, wenn weiter konzertiert vorgegangen werde. Die SPD-Politikerin erinnerte zugleich an Länder mit schwachem Gesundheitssystem, die es zu schützen gelte. So stürben im Kongo mehr Kinder an Masern als an Ebola.

Andrew Ullmann (FDP) ging auf die verbreitete Angst in der Bevölkerung ein, die in vielen Fällen durch Nichtwissen und fehlende Daten verursacht sei. Es müsse noch mehr getan werden für die Aufklärung. Zudem mangele es an Kompetenz in der Infektionsmedizin. So seien flächendeckend mehr Fachärzte nötig und eine Strukturreform der Krankenhäuser. Ullmann fügte hinzu, Gesundheit sei auch ein Wirtschaftsfaktor. Es bestehe die Sorge, dass Lieferketten aus China zusammenbrechen. "Wenn China hustet, liegt die Weltwirtschaft im Krankenhaus."

Ungewohntes Lob für die Regierung kam von der Linken. Harald Weinberg (Linke) würdigte die Aufklärungsarbeit der Bundesregierung und Behörden. Es sei wohltuend, dass sich der Gesundheitsminister und das RKI gegen Panikmache stark gemacht hätten. Noch handele es sich auch um ein überschaubares Problem. Jedoch sei das Gesundheitssystem in der Vergangenheit zu stark auf Ökonomie getrimmt worden. Es gehöre zu den Aufgaben eines guten Gesundheitssystems, auf Pandemien vorbereitet zu sein, dies sei mit den Fallpauschalen in Kliniken aber kaum möglich. Auch der öffentliche Gesundheitsdienst sei ausgedünnt worden. Nun müsse über einen nationalen öffentlichen Gesundheitsdienst nachgedacht werden.

Gefährliche Abhängigkeit Detlev Spangenberg (AfD) ging auf Lieferengpässe bei Arzneimitteln ein. Die zunehmend schwierige Wirkstoffversorgung könnte sich noch dramatisch verschlechtern. Die Lieferprobleme hätten auch mit der Auslagerung der Arzneimittelproduktion nach China und Indien zu tun. Damit gerieten Deutschland und Europa in eine gefährliche Abhängigkeit. Gerade während einer solchen Epidemie seien Lieferengpässe bei Medikamenten "kreuzgefährlich". Deutschland müsse in der Pharmaproduktion wieder mehr Bedeutung erlangen.

Nach Ansicht von Kordula Schulz-Asche (Grüne) hat sich das System zum Infektionsschutz weitgehend bewährt. Gleichwohl müsse über eine international bessere Zusammenarbeit beraten werden sowie über die Finanzierung. Es sei in der jetzigen Lage weltweite Solidarität nötig, auch mit Ländern ohne gutes Gesundheitssystem. Den Behörden in China warf sie vor, nicht ausreichend Informationen zu liefern und auch nicht ausreichend mit anderen Institutionen zu kooperieren. Informationen seien wichtig, weil die Menschen verunsichert seien und sich Falschmeldungen, Rassismus und Verschwörungstheorien schnell verbreiteten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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