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Lisa Brüßler
Biodiversität und Klima unter Druck

Sachverständige diskutieren über Artenschwund und Treibhauseffekt

Die Krisen im Bereich Biodiversität und Klima erfordern ein Zusammendenken von Natur- und Klimaschutz. Darin war sich eine Mehrzahl der Sachverständigen in einem öffentlichen Fachgespräch des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit vergangene Woche einig.

Dass der Klimawandel zu erheblichen Veränderungen und Verschiebungen führen werde, betonte Beate Jessel vom Bundesamt für Naturschutz. Diese gingen über die natürliche Ausbreitungs- und Anpassungsfähigkeit der Systeme hinaus. "Unter den Arten wird es Gewinner und Verlierer geben, aber in der Summe wird das Ausmaß der Verluste höher sein", sagte sie. In Deutschland könnten bis zu 30 Prozent der heimischen Arten verschwinden. Vor allem bei der Entkopplung ökologischer Beziehungen und den Wirkungsbeziehungen gebe es Wissenslücken.

Der Mensch sei der wesentliche Treiber in der Krise, befand Magnus J. K. Wessel (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland). Die Veränderungen durch den Klimawandel träfen ein bereits geschwächtes System. Einzelne Arten seien bei der Anpassung überfordert. Wessel plädierte dafür, dass der Moorschutz förderbar bleiben müsse, damit hochbedrohte Arten davon profitieren könnten. Neben Maßnahmen wie einer Wiederherstellung des Biotopverbunds seien Veränderungen im Konsumverhalten der Verbraucher nötig.

Lösungsversuche Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung berichtete, dass die größten Treiber bei der Veränderung der Natur die veränderte Landnutzung, die direkte Ausbeutung wie etwa durch Fischerei und der Klimawandel seien. Ein gezieltes Management, um Lebensräume und Konnektivitäten wieder herzustellen, könne eine der Lösungen für die Krise sein. "Jedes Grad zählt, jeder Quadratkilometer zählt", betonte er mit Blick auf die begrenzte Landoberfläche und eine Änderung der Ökosystemfunktionen durch Erwärmung.

Zu den Hauptbetroffenen des Klimawandels zählten die Landwirte, betonte Steffen Pingen (Deutscher Bauernverband). "Die letzten Jahre haben gezeigt, der Wandel ist da und er ist spürbar", sagte er. Daher müsse die Resilienz gegenüber dem Klimawandel gestärkt werden. Gleichzeitig müssten wirtschaftlich tragfähige Lösungen gefunden werden, dies umfasse etwa das Entwickeln widerstandsfähiger Kulturen und Sorten. Auch neue Prognosemodelle und Strategien im Pflanzenschutz seien nötig.

Morten Jødal, Biologe aus Norwegen, sagte, der Klimawandel sei kein Haupttreiber für den Artentod. Er verwies darauf, dass seit dem Jahr 1500 insgesamt 860 Spezies verloren gegangen seien. "Dies ist kein großer Verlust, zudem gehen die Aussterberaten herunter", sagte er. Seit der Eiszeit vor 11.000 Jahren habe es zehn Wärmeperioden gegeben, die alle "insgesamt wärmer waren als heute". In den vergangenen 500 Jahren seien zudem 12.000 neue Pflanzenarten entstanden.

Auf den starken Anstieg der Treibhausgasemissionen verwies Thomas Hickler vom Senckenberg Forschungszentrum Biodiversität und Klima. "Eine Erwärmung um fünf Grad wäre der Unterschied von einer Warmzeit und einer Eiszeit", sagte er. Das Risiko eines stärkeren Anstiegs dürfe nicht eingegangen werden. Viele der Effekte seien zudem indirekt: So könne die Risikostreuung bei der Baumartenwahl positive Effekte haben, die Bioenergieförderung hingegen sei nicht immer förderlich für die Biodiversität gewesen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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