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EDITORIAL Maßvoll im Ton

30.08.2021
2023-08-30T12:39:41.7200Z
2 Min

Es sind einschneidende Bilder: Islamisten, die auf klapprigen Motorrädern und staubigen Pickup-Toyotas durch Kabul streifen, die Stadt im Handstreich einnehmend, als hätte es 20 Jahre Militäreinsatz und massive Aufbauhilfe des Westens in Afghanistan nie gegeben. Auf der anderen Seite: Verzweifelte, die am Flughafen nach einem Schlupfloch suchen, viele auf der Flucht vor den Taliban, von deren neuer, alter Herrschaft sie das Schlimmste zu befürchten haben. Zurecht ist darauf hingewiesen worden, dass sich mit den erschütternden Bildern der vom Himmel stürzenden Menschen ein Kreis schließt: Damals, beim Anschlag des 11. September 2001, dem Ausgangspunkt des Einsatzes gegen die Taliban in Afghanistan, stürzten Verzweifelte aus den brennenden Hochhäusern des World Trade Centers in New York. 20 Jahre später sind es nun Verzweifelte, die sich am Kabuler Flughafen an startende Transportmaschinen des US-Militärs klammerten.

Die unabweisbare Frage einer Aufarbeitung dieses Einsatzes am Hindukusch hat vergangene Woche den Bundestag beschäftigt: Afghanistan, Hilfen nach der schweren Flutkatastrophe in Deutschland und die längst nicht ausgestandene Corona-Pandemie standen auf der Tagesordnung dieser Sondersitzung nur wenige Wochen vor der nächsten Wahl (siehe Seiten 12 und 13).

Wohl selten in der jüngeren Geschichte ist ein Wahlkampf hierzulande von einer derartigen Dichte von Krisen und Katastrophen überschattet gewesen. Ob Afghanistan, Katastrophenschutz oder Pandemie, ob Energiewende, Zuwanderung, Pflege oder Haushaltsführung: So kontrovers die Parteien all diese Politikfelder beurteilen und so wünschenswert ein gern auch rhetorisch scharf geführter Streit darüber sein mag - ebenso dringend nötig bleibt, dass diese Auseinandersetzung in einem Ton stattfindet, der das Gegenüber weder persönlich angreift noch ausschließt, und der andererseits dieses Gegenüber nicht zum Objekt von Bevormundung und Erziehung macht. Auch dies ist Teil dieser vorliegenden Ausgabe von "Das Parlament", die sich in einem Schwerpunkt mit dem Thema Sprache und Politik befasst. Es gibt dafür eine althergebrachte Formel, die eben nicht darauf vertraut, dass ein Argument an Kraft und Gewicht gewinnt, nur weil es besonders laut vortragen wird: Fortiter in re, suaviter in modo - hart in der Sache, gemäßigt im Ton.