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Claus Peter Kosfeld
Aus der Bahn geworfen

Mediziner sehen mit Sorge auf die möglichen Langzeitfolgen einer Coronainfektion

Das Virus werde irgendwann einfach "verschwinden", orakelte US-Präsident Donald Trump zu Beginn der Coronakrise 2020 und ignorierte damit alle Warnungen von Virologen. Vor allem für jene Menschen, die infiziert wurden und noch lange unter Spätfolgen litten, dürfte die präsidiale Weissagung wie Hohn geklungen haben. Mediziner haben für das Phänomen der multiplen Langzeitfolgen des neuen Coronavirus Sars-Cov-2 den Begriff Long-Covid oder Post-Covid eingeführt. Noch ist wenig bekannt darüber, wie manche Symptome entstehen, wie lange sie anhalten und wer vor allem betroffen ist, klar ist aber, sie verschwinden genauso wenig wie das Virus selbst einfach so, sondern können im schlechtesten Fall sogar ein Dauerbegleiter werden.

Neue Studien In den vergangenen Monaten sind mehrere Studien veröffentlich worden, die das Phänomen in den Grundzügen gut beschreiben. Nach einer überstandenen akuten Infektion leiden die Betroffenen weiter unter bestimmten Symptomen, die ihre Leistungsfähigkeit merklich, manchmal auch ganz erheblich beeinträchtigen. Wenn also unterschieden wird in akute Fälle und Genesene, ist das möglicherweise zu optimistisch, weil es auch Menschen gibt, die sich mit dem Virus infiziert haben und anschließend weiterhin krank sind, bisweilen sogar arbeitsunfähig.

Wie häufig diese Fälle auftreten, ist nicht bekannt, denn eine Meldepflicht gibt es nicht, in vielen Fällen dürfte der Bezug zur Virusinfektion auch gar nicht erkannt werden oder tatsächlich unklar sein. Wer unter Long-Covid leidet, ist jedenfalls nicht gesund. Einige Betroffene beklagen jedoch, mit ihren spezifischen gesundheitlichen Problemen von Ärzten nicht ernst genommen zu werden. Tatsächlich ist die Faktenlage noch dünn, es fehlen klare Diagnosen und spezielle Therapien. In vielen Fällen klingen die Beschwerden nach einiger Zeit von selbst ab, in anderen Fällen aber nicht.

Drastische Folgen Die Studien deuten auf bestimmte Ähnlichkeiten im Verlauf der Folgekrankheiten hin. So klagen viele Patienten über das Ermüdungssyndrom (Fatigue), anhaltende körperliche Schwäche und Schmerzen, die Kennzeichen sind aber sehr vielfältig und treten oft auch in einer Kombination auf. Auffällig ist zudem, dass nicht nur Patienten mit schweren Verläufen betroffen sind, sondern auch jüngere Menschen, denen die akute Virusinfektion zunächst nicht so übel mitgespielt hat, die also nicht in einem Krankenhaus versorgt werden mussten.

In sozialen Netzwerken und anderen Medien haben Betroffene ihre Erfahrungen und Probleme mit Long-Covid öffentlich gemacht, darunter Menschen, die vor der Erkrankung ausgesprochen sportlich, kräftig und aktiv waren und anschließend aus der gewohnten Lebensbahn geschleudert wurden und ihren Alltag komplett umstellen mussten, weil sie nicht mehr genügend Kraft hatten und sich eine Besserung auch nicht abzeichnete.

Harte Schicksale So berichtete ein 41 Jahre alter Mann, der eine Firma erfolgreich aufgebaut hat, nach einer schweren Corona-Infektion über eine ausgeprägte körperliche Schwäche, Schmerzen sowie gravierende Konzentrations- und Gedächtnisprobleme. Der Unternehmer kann sich nach eigenen Angaben oft an Gesprächsinhalte nicht mehr erinnern, das Kurzzeitgedächtnis streikt, die Corona-Folgekrankheit hat ihn für längere Zeit berufsunfähig gemacht. Der Mann befand: "Ich bin Zuschauer in meinem eigenen Leben."

Eine Ärztin, die von sich selbst sagt, sie habe ein fotografisches Gedächtnis gehabt, hat nach einer Corona-Infektion ihre Merkfähigkeiten eingebüßt und konnte es nicht glauben. Auch sie war vorübergehend berufsunfähig und musste mit einem Spezialtraining ihre Körperkoordination erst wieder aufbauen.

Sogar unter Leistungssportlern sind inzwischen Fälle bekannt geworden, bei denen der Körper nach scheinbar überstandener Infektion plötzlich ungeahnte Schwächen zeigte. So wurde im Herbst 2020 ein Profifußballer positiv getestet und erlebte einen Krankheitsverlauf mit schwachen Symptomen. Als er dann wieder volle Leistung abrufen musste, war der junge Mann völlig entkräftet und litt an akuter Atemnot. Ein infizierter Eishockey-Profispieler erlitt als Corona-Folgeschaden eine Entzündung des Herzmuskels. Sportmediziner fordern daher nach einer Corona-Infektion mehrwöchige Pausen und einen behutsamen Leistungsaufbau, um die Sportler nicht zu gefährden.

Betroffene Kinder Von Spätfolgen einer Corona-Infektion betroffen sein können auch Kinder. In Großbritannien haben Betroffene eine Homepage (www.longcovidkids.org) freigeschaltet, auf der sie über das Phänomen informieren. Ihre Botschaft: "Mit Long-Covid bist du immer noch krank, nach vielen Monaten, du fühlst dich schlecht und du weißt nie, wie du dich fühlen wirst, wenn du aufwachst."

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) fordert eine gezielte Nachsorge für Corona-Patienten. Naben dem Fatigue-Syndrom beobachten die Neurologen vermehrt Muskel- und Gelenkschmerzen sowie gestörte oder fehlende Geruchs- und Geschmackssinne. Darüber hinaus werden häufig Atemnot, Schlafstörungen, Angstzustände, Depressionen und Kopfschmerzen diagnostiziert. Beobachtet wird öfter auch Haarausfall, zudem können Haut und Organe angegriffen werden.

Kombinierte Symptome Eine Auswertung von 180 Covid-Patienten auf den Färöer-Inseln ergab laut DGN, dass mehr als die Hälfte der Betroffenen vier Monate nach Erkrankungsbeginn noch mindestens ein Symptom aufwies, ein Drittel kam auf zwei Symptome und rund 20 Prozent litten sogar unter drei Symptomen. In einer Schweizer Studie ist von persistierenden Symptomen bei einem Drittel von 669 nicht stationär behandelten Covid-Patienten die Rede. Diese Patienten hatten einen milden Verlauf und waren im Schnitt rund 43 Jahre alt. Die verschiedenen Studien weisen darauf hin, dass ein Risiko für Langzeitfolgen umso größer ist, je schwerer zuvor der Verlauf der Covid-Erkrankung war.

Atmen lernen Therapiert werden Patienten mit Long-Covid beispielsweise in der Rehaklinik Median in Heiligendamm an der Ostseeküste. Die Klinik ist auf Atemwegserkrankungen, Allergien und Psychosomatik spezialisiert und befasst sich nun auch mit den Folgeerkrankungen des Coronavirus. Seit April 2020 sind in der Klinik rund 400 Patienten mit Long-Covid behandelt worden.

Nach Angaben von Chefärztin Jördis Frommhold müssen manche Patienten erst wieder lernen, Treppen zu steigen und gut Luft zu bekommen. Die Leistungsfähigkeit mancher Patienten sei stark reduziert. In der Reha werden Atemübungen, Ausdauer-, Koordinations- und Krafttraining angeboten sowie psychologische Hilfe. Laut Frommhold sind die meisten Patienten im Alter zwischen 35 und 65 Jahren, behandelt würden Patienten aus ganz Deutschland. Frommhold vermutet hinter Long-Covid eine Autoimmunreaktion. Dabei greift das Immunsystem eigene Zellen oder Organe an. Es seien nach einer Corona-Erkrankung schon entsprechende Antikörper gefunden worden.

Covid-Sprechstunden Inzwischen wird das Phänomen gezielt erforscht, einige Universitätskliniken bieten eine Post-Covid-Sprechstunde an, dort können Betroffene ihre Lage schildern, etwa in Köln, Aachen, an der Berliner Charité oder in Homburg im Saarland. Mediziner ordnen die Symptome ein und geben Empfehlungen für eine Therapie. Kathrin Reetz von der neurologischen Klinik der Universität Aachen empfiehlt Betroffenen, ein Symptom-Tagebuch zu führen, um sich selbst und den Ärzten konkrete Hinweise über den Verlauf der Beschwerden zu geben.

Auch an der Universität Würzburg befassen sich Forscher mit den chronischen Folgeschäden der Covid-Erkrankung. Dazu wurde im vergangenen Jahr das Projekt COVIDOM ins Leben gerufen mit Studienzentren in Berlin, Kiel und Würzburg. Erforscht werden Art und Häufigkeit von Folgeerkrankungen nach einer Corona-Infektion, Symptome, ihre Dauer und mögliche Langzeitschäden. Die untersuchten Patienten sollen von den Ergebnissen unmittelbar profitieren.

Im Netzwerk Universitätsmedizin (NUM) werden Diagnostik- und Behandlungsstrategien der deutschen Universitätskliniken zusammengeführt und ausgewertet, um zu einer möglichst optimalen Versorgung von Covid-19-Erkrankten beizutragen. Covid-19 wird nun nicht mehr nur als primär akute Lungenkrankheit eingestuft, sondern als multisystemische Erkrankung, wobei die Mediziner auch die Langzeitfolgen von Covid-19 im Blick haben.

Organschäden Neben der Lunge können diverse weitere Organe durch eine Corona-Infektion in Mitleidenschaft gezogen werden und zu chronischen Folgeschäden führen. So wiesen Forscher der Universitätsklinik Ulm nach, dass bei einer Covid-Erkrankung auch die Bauchspeicheldrüse angegriffen werden kann. Bei bestimmten schweren Krankheitsverläufen können die sogenannten Beta-Zellen der Pankreas infiziert werden, die für die Insulinproduktion zuständig sind.

Manche Covid-Patienten zeigen diabetesähnliche Symptome, die Regulierung des Blutzuckerspiegels ist gestört. Die Ulmer Forscher berichten von Symptomen wie Hyperglykämie, also Überzuckerung, und Ketoazidose, Übersäuerung des Blutes. Studien belegen den Angaben zufolge zudem einen verschlechterten Stoffwechsel bei infizierten Diabetikern sowie Fälle von neu auftretender Diabetes bei überstandener Covid-Erkrankung. Nach Aussage der Uniklinik Ulm betreffen schwere Covid-Verläufe nicht nur die Atemwege, den Verdauungstrakt, das Herz-Kreislauf-System und das Nervensystem, sondern eben auch den Stoffwechsel.

Belastbare epidemiologische Daten zur Häufigkeit der Langzeitbeschwerden liegen nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) derzeit noch nicht vor. Aus den Erfahrungen der Post-Covid-Ambulanz am Universitätsklinikum Jena ergebe sich, dass bei 50 bis 60 Prozent der stationär betreuten Corona-Patienten und bei rund 20 Prozent der nicht im Krankenhaus behandelten Fälle mit Long-Covid-Symptomen unterschiedlicher Schwere zu rechnen sei, teilte die Gesellschaft auf Anfrage mit.

Unklar ist laut DGIM in vielen Fällen, ob die Beschwerden tatsächlich Covid-19-spezifisch sind oder die Schwere des allgemeinen Krankheitsbildes widerspiegeln. So seien von Patienten mit einer Sepsis (Blutvergiftung), die auf Intensivstationen behandelt würden, ähnliche symptomatische Konstellationen bekannt. Somit müsse zwischen organbezogenen Folge- und Langzeitschäden sowie dem "Chronic Fatigue" unterschieden werden.

Die spezifischen Schäden seien neu und müssten fachbezogen verstanden und behandelt werden, erklärte die Fachgesellschaft, die der Politik empfahl, das Phänomen unter finanziellen und gesundheitspolitischen Gesichtspunkten zu berücksichtigen. Von zentraler Bedeutung sei die populationsbasierte Erfassung der Größe des Problems.

Unklare Kosten Zudem sei die Betreuung der Post-Covid-Patienten im Gesundheitssystem finanziell unzureichend abgebildet. Ausnahmeziffern zur Abrechnung von Laborleistungen bei Post-Corona-Patienten im ambulanten Bereich, Pauschalen für Hochschulambulanzen und Schwerpunktpraxen sowie besondere Vergütungen für Rehabilitationsbehandlungen könnten das Problem der unzureichenden Diagnostik, Therapie und Rehabilitation verringern.

Die Folgeschäden einer Corona-Infektion schlagen schon jetzt auf die Krankenkassen durch, wie die Deutsche Krankenversicherung (DKV) in einer Auswertung von 10.000 Fällen zeigte. Covid-19-Patienten seien nach der stationären Behandlung keinesfalls gesund, teilte die Kasse im November 2020 mit. Die durchschnittlichen Leistungsausgaben pro Tag hätten sich nach der Erkrankung um mehr als 50 Prozent erhöht.

Die Auswertung habe deutlich gemacht, dass die Folgewirkungen einer Infektion "alles andere als nur ein gesundheitlicher Bagatellschaden" seien, warnte die Kasse. Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) wollte auf Anfrage keine Prognose zu den zusätzlichen Behandlungskosten abgeben. Es gebe noch keine gesicherten Erkenntnisse zu den langfristigen Auswirkungen der Infektion, hieß es. Für zusätzliche Unsicherheit in der Therapie sorgen die Corona-Mutationen, die sich rasant verbreiten und das Ursprungsvirus in absehbarer Zeit ablösen könnten. Sollte es nicht gelingen, diese aggressiven Mutanten einzudämmen, könnte es zu sehr vielen Neuinfektionen kommen. Von schweren Verläufen betroffen wären dann automatisch nicht nur ältere Menschen, sondern anteilsmäßig auch viele jüngere. Je mehr schwere Verläufe es gibt, umso häufiger werden Mediziner dann auch mit Fällen von Long-Covid befasst sein.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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