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KULTUR
Alexander Weinlein
»Die Stasi-Zentrale ist Eure Bastille«

Geplante Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte stößt bei Historikern auf Sympathie

"Die deutsche Demokratiegeschichte wird erheblich unterschätzt." Zu diesem Befund kam der renommierte Historiker Bernd Faulenbach in der vergangenen Woche vor dem Kulturausschuss. Dieser hatte Faulenbach und acht weitere Sachverständige zu einer öffentlichen Anhörung über den Gesetzentwurf der Bundesregierung für die geplante "Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte" (19/28648) und das Rahmenkonzept zur Stiftung (19/28535) geladen.

Nicht wenige Menschen in Deutschland glaubten, dass die Demokratie erst nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland gekommen sei, führte Faulenbach aus. Im Zentrum der Erinnerungskultur stünden noch immer der Nationalsozialismus und der Holocaust. Eine Förderung des demokratischen Erinnerungskultur wie mit der Stiftung beabsichtigt sei "unbedingt zu begrüßen", lautete sein Urteil.

Diesem Urteil schlossen sich die übrigen Experten überwiegend an. Paula Lutum-Lenger vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart, Walter Hütter von der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und Susanne Kitschun vom Ausstellungs- und Gedenkort Friedhof der Märzgefallenen in Berlin argumentierten, dass die geplante Stiftung geeignet sei, um die Arbeit der bereits bestehenden Museen und Gedenkorte besser zu vernetzen und stärker im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Schwerpunkt der Stiftung sollte die Entwicklung neuer interaktiver und partizipatorischer Vermittlungsformate sein, forderte Lutum-Lenger. Nachholbedarf bestehe vor allem im Bereich digitaler Formate, sagte Hütter. Dies zeigten vor allem die Erfahrungen während der Corona-Pandemie. Er erhoffe sich von der Stiftung einen "Entwicklungsschub" für die Entwicklung neuer zielgruppenorientierter Formate für museale Ausstellungen.

Kämpfe und Rückschläge Die Geschichtsdidaktikerin Charlotte Bühl-Gramer von der Universität Erlangen-Nürnberg warnte davor, bei der Auswahl von Orten, Personen und Ereignissen die Demokratiegeschichte auf ihre "Sternstunden" zu reduzieren. Gerade auf Jugendliche wirke eine solche Vermittlung sehr schnell ermüdend. Es sollten vermehrt historische Situationen der Gefährdungen der Demokratie und die langen Kämpfe und Rückschläge thematisiert werden. Dies verdeutliche auch den Wert von Demokratie. Es dürfe nicht das Bild eines "abgeschlossenen Begriffscontainers" vermittelt werden. Demokratie sei ein Prozess. So sei ein Demokrat aus der Mitte des 19. Jahrhunderts nach heutigen Maßstäben eventuell eben gar kein so guter Demokrat mehr, argumentierte Bühl-Gramer.

Der Historiker Stefan Scheil mahnte, die Auswahl der Orte der Demokratiegeschichte dürfte nicht auf das Gebiet des heutigen Deutschlands begrenzt werden. So seien etwa das Grab von Ferdinand Lasalle im polnischen Breslau oder Immanuel Kants Königsberg, das heutige russische Kaliningrad, ebenfalls Orte der deutschen Demokratiegeschichte. Auch zeitlich sei das Rahmenkonzept für die Stiftung, das mit dem Hambacher Fest von 1832 beginne, zu begrenzt. Die Wurzeln der Demokratiegeschichte reichten bis in die frühe Neuzeit zurück, argumentierte Scheil.

Übereinstimmend stellten der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, und Gesine Oltmanns von der Stiftung Friedliche Revolution bei ansonsten großer Zustimmung zu dem Stiftungskonzept fest, dass die Revolution in der DDR bislang im Konzept unterbelichtet sei. Leipzig sei als Ort der Demokratiegeschichte eben genauso wichtig wie Frankfurt mit seiner Paulskirche. In diesem Sinne argumentierte auch Roland Jahn. Ein französischen Historiker habe ihm gesagt, die ehemalige Stasi-Zentrale in Berlin sei "eure Bastille". Die Bedeutung solcher "Orte der Macht", die vom Volk erstürmt worden seien, müsste stärker herausgestellt werden.

Scharfe Kritik am Rahmenkonzept der Stiftung wurde von Sebastian Garbe als Vertreter des Bündnisses "Decolonize", einem Zusammenschluss post- und dekolonialer Initiativen, geübt. Dieses blende die koloniale Vergangenheit und den Kampf der Menschen in den ehemaligen Kolonien gegen den Imperialismus aus. Dieser Kampf habe maßgeblich zur Demokratieentwicklung des imperialen Deutschlands beigetragen, argumentierte Garbe. Kritisch bewerte er auch die zentrale Rolle der Frankfurter Paulskirche im Konzept. Sie sei ohne Zweifel ein wichtiger Ort der Demokratiegeschichte. Allerdings habe sich die dort tagende Nationalversammlung für die Errichtung einer deutschen Flotte als auch für die Förderung deutscher Auswanderung in zu errichtende überseeische Kolonien ausgesprochen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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