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Parlamentarisches Profil
Jan Rübel
Die Rheinländerin: Marie-Agnes Strack-Zimmermann

Sie kommt rasch auf den Punkt. "Es geht um Leben und Tod", sagt Marie-Agnes Strack-Zimmermann über die afghanischen "Ortskräfte" - jene Menschen also, die der Bundeswehr bei ihrem Einsatz am Hindukusch zugearbeitet haben. Die Zeit drängt. Die USA setzen auf einen raschen Abzug, die radikalislamischen Taliban sind mal wieder auf dem Vormarsch, und auf deren Zusicherungen, die Ortskräfte würden unbehelligt bleiben, "wäre es naiv sich zu verlassen".

Es ist Donnerstagnachmittag. Strack-Zimmermann, verteidigungspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, kommt gerade aus einer Versammlung des Förderkreis Deutsches Heer e.V. geeilt. "Es geht um 5.000 Menschen, denen gegenüber wir uns großherzig zu verhalten haben", sagt die 63-Jährige zu den afghanischen Ortskräften. Und fordert deren Aufnahme in Deutschland, "sie haben an unsere Werte geglaubt". Außerdem kämen hochgebildete Menschen, "ein Gewinn für unser Land und leider ein Verlust für Afghanistan" - der Rückzug der Bundeswehr, nach 20 Jahren Einsatz, kommt für die Düsseldorferin wenig überraschend, doch sie kritisiert: "Von den Taliban ist nichts verlangt worden, damit ist der Westen ein zahnloser Tiger geworden", in dessen Abzug sie nun etwas "Fluchtartiges" sieht. "Dabei hatte der Einsatz durchaus Erfolge, es wurde seitdem kein Attentat aus Afghanistan heraus gegenüber der westlichen Welt verübt, und Mädchen und Frauen konnten wieder am Bildungssystem teilnehmen", was Strack-Zimmermann jetzt als stark gefährdet sieht. Sie stockt für einen Moment.

Seit 2017 sitzt die Rheinländerin im Bundestag, ist für die Fraktion der Liberalen auch Sprecherin für Kommunalpolitik. In ihr hat sie einige Erfahrung gesammelt: Mit 32 Jahren war Strack-Zimmermann in die Partei eingetreten, es war das Jahr Eins nach dem Mauerfall. In dieser "emotionalen Zeit" wollte sie mitwirken, beim Zusammenwachsen zweier Staaten. Strack-Zimmermann begann 1999 als Bezirksvertreterin in der Bezirksversammlung im Stadtbezirk 7. Dann Rat der Stadt Düsseldorf, Vorsitz der Ratsfraktion und schließlich Erste Bürgermeisterin und Vize des Oberbürgermeisters. In dieser Zeit erarbeitete sich Strack-Zimmermann den Ruf einer nahbaren Macherin. "Die Politik holte mich ein. Das waren mitunter Zufälle, mir wurde nicht an der Wiege gesungen, dass ich einmal Berufspolitik machen würde." Wirklich nicht? Immerhin hatte ihr Großvater 1912 als Liberaler erfolglos für den Reichstag kandidiert. Und ihre Großmutter saß mehrere Jahre im Heidelberger Stadtrat, allerdings für die CDU. "Meine Eltern versuchten liebevoll, mich für die CDU zu begeistern, aber das Welt- und Frauenbild der Union in den Siebzigern war nicht meins."

Ursprünglich wollte Strack-Zimmermann Journalistin werden. Sie studierte Publizistik, Politikwissenschaft und Germanistik, arbeitete beim Bayerischen Rundfunk und für die "Düsseldorfer Nachrichten". Sie promovierte und begann im Vertrieb des Jugendbuchverlags Tessloff, was ihren drei Kindern die komplette "Was-ist-Was"-Reihe daheim bescherte. Dann der Ruf der Politik.

Er schallte immer lauter, als 2013 Christian Lindner zu einem Treffen einlud. Die FDP lag am Boden, war aus dem Bundestag geflogen, und der neue Chef suchte einen Joker. Er fand Strack-Zimmermann, die Kommunalexpertin. So wurde sie stellvertretende Bundesvorsitzende. "Eine Partei lebt durch ihre Kommunalengagierten. Ein Häuptling ist nichts ohne Indianer." 2015 und 2017 wurde sie wiedergewählt. 2019 dann strebte eine andere Liberale ins Präsidium: Nicola Beer, FDP-Spitzenkandidatin für die Europawahl. "Ich dachte nach", sagt Strack-Zimmermann ruhig, "ich wollte den Parteierfolg im Wahlkampf und keine schädigende Kampfkandidatur". So habe sie einen Schritt seitwärts gemacht.

Nicht, dass der Bundestag nicht genügend Aufgaben bereithielte. "Heute Abend spreche ich im Parlament noch zum Einsatz im Kosovo", sagt sie. Um halb sechs sei sie aufgestanden, in Erwartung eines 18-Stunden-Tages. "Berlin ist für mich Arbeit." Das Telefongespräch führt sie zwischen Tür und Angel. Aber es fühlt sich nicht so an. Dann eilt sie zum nächsten Termin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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