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PARALYMPICS
Alexander Weinlein
Olympischer Geist zwischen Beinprothesen und Nacktfotos

1948 begann die Geschichte der Weltspiele im Süden Englands. Ihr Begründer war ein aus Deutschland emigrierter jüdischer Arzt

"Im Namen aller Athleten verspreche ich, dass wir an den Paralympischen Spielen teilnehmen und dabei die gültigen Regeln respektieren und befolgen und uns dabei einem Sport ohne Doping und ohne Drogen verpflichten, im wahren Geist der Sportlichkeit, für den Ruhm des Sports und die Ehre unserer Mannschaft." Am 24. August dieses Jahres ist es wieder soweit. Dann werden stellvertretend für alle Teilnehmer ein Athlet, ein Trainer und ein Kampfrichter den Eid zum Auftakt der 16. Paralympischen Spielen in Tokio ablegen. Bis zum 5. September werden sich die etwa 4.300 Sportler und Sportlerinnen mit Behinderung aus aller Welt in 23 Sportarten im Kampf um die Medaillen in 540 Wettbewerben miteinander messen.

Der Paralympische Eid ist wortgleich mit dem der Olympischen Spiele, die 14 Tage zuvor in Tokio enden. Und wie bei den Olympioniken nehmen es auch nicht alle Paralympioniken mit dem Eid so genau. "Bei uns gibt es viele, die mogeln", verriet erst kürzlich die stark sehbinderte Schwimmerin Elena Krawzow der "Berliner Morgenpost" "Das ist ein ganz großes Problem bei uns." Vermeintlich blinde Athleten würden sich Atteste für die Klassifizierung kaufen und daheim Auto fahren. Selbst von Sportlern, die sich ihre amputierten Gliedmaßen noch kürzer schneiden lassen, weiß die Schwimmerin zu berichten. Im vergangenen Jahr sorgte die Silbermedaillengewinnerin von London 2012 und mehrfache Europa- und Weltmeisterin selbst für Schlagzeilen, als sie sich für den "Playboy" auszog und als erste Paralympionikin auf dessen Cover landete. "Mit dem Shooting möchte ich ein Zeichen setzen, für mehr Toleranz in der Gesellschaft. Dafür, dass auch Menschen mit einer Behinderung alles schaffen können und sich nicht verstecken", verkündete die Athletin.

Ob nun Zeichen für Toleranz oder Vermarktungsstrategie, ob gedopt oder ungedopt, ob mit oder ohne gekauftem Attest, die Welt der Paralympics hat sich in den vergangenen Jahrzehnten der Sportwelt insgesamt angeglichen. Dies war auch das erklärte Ziel des aus Deutschland nach England emigrierten jüdischen Arztes Ludwig Guttmann. Der Neurologe initiierte im Juli 1948 die "Stoke-Mandaville-Games" im südenglischen Aylesbury, benannt nach dem Hospital, in dem Guttmann praktizierte. Er hatte die positive Wirkung des Sports für Gelähmte erkannt.

Die Anfänge waren bescheiden: 14 kriegsversehrte Männer und Frauen mit Rückenmarksverletzungen traten im Bogenschießen gegeneinander an. Zeitgleich begannen in London die 14. Olympischen Sommerspiele. Ein Zufall war dies nicht. Guttmann legte es darauf an, die Gelähmten-Wettkämpfe langfristig mit den Spielen der Nichtbehinderten zu verbinden. 1960 war es dann soweit: Parallel zu den Olympischen Spielen von Tokio firmierten die Behinderten-Spiele in Japans Hauptstadt erstmals wenn auch inoffziell unter der Bezeichnung Paralympics. 1976 starten im schwedischen Örnsköldsvik auch erstmals paralympische Winterspiele.

Rückschläge Rückschläge bei der Angleichung von Olympischen und Paralympischen Spielen gab es dennoch. So verweigerte das kommerzielle Organisationsteam von Los Angeles 1984 die Ausrichtung der Paralympics. Dies passe "nicht in das professionelle Image der Spiele von L.A.", lautete die peinliche Begründung. Seit den Sommerspielen von 1988 im koreanischen Soul wetteiferten behinderte und nicht-behinderte Sportler dann wieder am gleichen Austragungsort. Bei den Spielen von Atalanta kam es 1996 trotzdem zu einer erneuten Blamage der USA, weil die Organisatoren nach der Olympiade bereits mit dem Abbau der Sportstätten hatten beginnen lassen und die Paralympics mehr oder weniger in Ruinen antreten mussten.

Auch im Umfang der Spiele und ihrer medialen Aufmerksamkeit haben die Paralympics gegenüber der Olympiade aufgeholt. Zum Durchbruch verhalfen vor allem die Sommerspiele in Peking 2008 und in London 2012. Im Vergleich zu den Spielen von Athen vier Jahre zuvor erhöhte sich die TV-Übertragungszeit in Peking um 200 Prozent und in London nahmen erstmal mehr als 4.000 Athleten an den Paralympischen Spielen teil.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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