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BETRIEBe
Denise Schwarz
Betreten verboten

Die Corona-Pandemie hat die Werkstätten für Menschen mit Behinderung in Deutschland vor große Herausforderungen gestellt

Im Versand- und Verpackungsbereich herrscht geschäftiges Treiben. Ausgestattet mit elektronischen Packlisten, suchen die Beschäftigten alle Bestandteile einer Bestellung zusammen, bevor es weiter in den nächsten Raum geht, wo sich das Verpackungsmaterial schon auf den Tischen stapelt. "Wir mussten teilweise in andere Räumlichkeiten ausweichen und die Arbeitsabläufe neu strukturieren. Nebeneinander arbeiten und die Dinge von einem zum anderen weiterreichen, das geht aktuell natürlich nicht", erklärt Ilka Schramm, Standortleiterin bei der Mosaik-Berlin gGmbH. Vor 50 Jahren als Verein gegründet, ist Mosaik mit knapp 2.000 Mitarbeitenden an 40 Standorten ein wichtiger Arbeitgeber in Berlin und Brandenburg. Die Corona-Pandemie hat das Traditionsunternehmen und seine Angestellten vor ganz besondere Herausforderungen gestellt, denn die Einrichtung gehört zu den über 680 Werkstätten für Menschen mit Behinderung in Deutschland. Diese Werkstätten dienen der Teilhabe am Arbeitsleben und stehen allen Menschen mit Behinderung offen. Wer aufgrund der Art oder Schwere seiner Behinderung nicht oder noch nicht wieder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt werden kann, der hat in einer von über 2.900 Betriebsstätten die Möglichkeit, eine zweijährige Qualifizierungsphase zu durchlaufen, um anschließend eine Arbeit aufzunehmen. Bei Mosaik-Berlin zum Beispiel sind Beschäftigte in der Kantinenbewirtschaftung, Wäscherei, Garten- und Landschaftspflege oder Kunst- und Kreativabteilung tätig. Auch Menschen, die nicht arbeitsfähig sind, werden in Werkstätten betreut und gefördert. Deutschlandweit sind aktuell rund 320.000 Menschen in Werkstätten beschäftigt. Durch ein Betretungsverbot zu Beginn der Pandemie durften sie alle im März 2020 plötzlich nicht mehr in ihre Einrichtungen.

In den ersten ein bis zwei Wochen sei es vielen der Beschäftigten wie Urlaub vorgekommen, erklärt Martin Berg, Vorstandsvorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstatt für behinderte Menschen (BAG WfbM), die als Dachorganisation die Interessen der Werkstätten vertritt. Doch dann wollten viele zurück in ihre Betriebsstätte. "Man muss dazu wissen, dass die Werkstatt mehr ist als nur ein Arbeitsplatz. Sie ist für viele der Ort, wo sie ihre sozialen Kontakte treffen", so Berg weiter. Anfangs war nur eine Notbetreuung in den Einrichtungen möglich, weshalb viele über Wochen Zuhause oder in den Wohneinrichtungen bleiben mussten.

Um sie in dieser Situation nicht allein zu lassen, war Flexibilität und Kreativität gefragt. Arbeitsmaterialien wurden zu Wohnorten gebracht, Anleitungsvideos gedreht und Onlineplattformen entwickelt. André Albrecht, Gruppenleiter im berufsbildenden Bereich bei Mosaik-Berlin erinnert sich: "Wir Gruppenleiter haben den Kontakt zu unserer Gruppe gepflegt. Außerdem haben wir wöchentlich für alle Teilnehmer ein individuelles Lernpaket zusammengestellt." Mit Arbeitsblättern und kleineren Aufgaben hat seine Gruppe so die Zeit zu Hause überbrücken können und sich ein Minimum an Tagesstruktur bewahrt. Mittlerweile sind seine Teilnehmer wieder vollständig in der Werkstatt versammelt. Tägliches Temperaturmessen, 14.000 monatliche Schnelltests, entzerrte Arbeits- und Pausenzeiten sowie die allgemeinen Hygieneregeln sollen das Risiko einer Ansteckung möglichst gering halten. Auch wenn sie sich schon auf eine Zeit ohne die Masken freue, sei sie einfach froh, wieder hier zu sein, erklärt eine Werkstattbeschäftigte, die im Büro-Service die hauseigenen Rechnungen archiviert.

Viele Einrichtungen müssen seit Beginn der Pandemie mit Auftragsrückgängen zurechtkommen. Laut einer Umfrage der BAG WfbM verzeichneten 86 Prozent der Teilnehmer im Oktober 2020 ein geringeres Auftragsvolumen, im Mai 2021 waren es noch 73 Prozent. Besonders betroffen sind Betriebsstätten, die in der Hotellerie oder Gastronomie angesiedelt sind. Neben Auftragsrückgängen bemerken viele auch eine geringere Effektivität im laufenden Betrieb: "Durch das räumliche Entzerren von einzelnen Arbeitsschritten und die Aufteilung in kleinere Gruppen passieren mehr Fehler und die Produktivität hat insgesamt leicht abgenommen", so Schramm über ihren Standort in Berlin-Mitte. Dies kann vor allem für die Werkstattbeschäftigten zum Problem werden. Da sie sich in einem arbeitnehmerähnlichen Verhältnis befinden, erhalten sie keinen Mindestlohn, sondern ein Entgelt, dessen Höhe von den Arbeitsergebnissen abhängt. Mindestens 70 Prozent der Gewinne aus wirtschaftlicher Tätigkeit müssen Werkstätten als sogenannte Steigerungsraten ihren Beschäftigten auszahlen. Schrumpfen diese Gewinne oder fallen Aufträge weg, verringert sich damit auch das monatliche Arbeitsentgelt, das mit rund 206 Euro meilenweit von Entgelten auf dem ersten Arbeitsmarkt entfernt ist. Für 2020 und 2021 hat der Bundesrat beschlossen, coronabedingte Entgeltkürzungen zu kompensieren. Die Beantragung sei allerdings mit hohem bürokratischem Aufwand verbunden, merkt Berg an.

Unter anderem wegen dieses geringen Entgelts stehen Werkstätten immer wieder in der Kritik. Eine mögliche Reform des Entgeltsystems soll nun durch eine Studie des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales bis 2023 untersucht werden. Doch die Kritik geht weit darüber hinaus: Werkstätten trügen nicht zur Teilhabe bei, sondern hielten die Beschäftigten vom ersten Arbeitsmarkt fern und seien eine Sackgasse, aus der viele schwer herausfinden, heißt es. Dass nur so wenige den Sprung auf den ersten Arbeitsmarkt schaffen, sehen auch die BAG WfbM und Mosaik-Berlin kritisch.

Um die Beschäftigten bestmöglich zu qualifizieren, ist es wichtig arbeitsmarktnah zu sein. "Besonders beim Thema Digitalisierung fehlt es vielen Werkstätten noch an Ausstattung", erklärt Kathrin Völker, Geschäftsführerin der BAG WfbM. Sie wisse von einzelnen Einrichtungen, die bisher nicht einmal WLAN in ihren Gebäuden hatten. Hier könnte sich die Pandemie als Digitalisierungsbeschleuniger herausstellen. In kürzester Zeit musste digital aufgerüstet werden. Aktuell arbeitet zum Beispiel Mosaik daran, die neu eingerichtete Onlineplattform gänzlich barrierefrei zu gestalten, um im Lern- und Arbeitsbereich langfristig digitale Kenntnisse zu fördern. Damit Werkstätten das technische Equipment beschaffen und Beschäftigte wie Fachpersonal schulen können, bedarf es vor allem mehr finanzieller Mittel, mahnt Völker.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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