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Aufgekehrt
Denise Schwarz
Das Orakel von Pinneberg

Die Griechen hatten Delphi, die Fußball-WM Krake Paul und die Bundestagswahl hat Pinneberg! Einmal alle vier Jahre blickt die Republik gespannt in den Wahlkreis 007 im hohen Norden Deutschlands. Wem erteilt der Wahlkreis mit der Doppel-Null wohl dieses Mal die Lizenz zum Kanzler? Denn bei der K-Frage macht den Pinnebergern so schnell niemand etwas vor. Seit 68 Jahren stellt die Partei, die hier das Direktmandat holt, auch den Kanzler. Eine Treffergenauigkeit, bei der selbst James Bond vor Neid erblasst. Begonnen hat die Legende vom Orakel von Pinneberg 1953. Die CDU gewinnt das Direktmandat, Adenauer bleibt Kanzler. Gut, bei einem Stimmenanteil von 45 Prozent für die Union richtig zu liegen, zeugt noch nicht von denselben Qualitäten, mit denen die Priesterin Pythia die Geschicke im antiken Griechenland voraussagte. Ganz anders bei den Wahlen 1969 und 1976. Die SPD wird nur zweitstärkste Kraft, stellt aber mit Brandt und Schmidt am Ende den Kanzler. Und Pinneberg? Hatte sich schon am Wahltag jeweils für die SPD entschieden.

Ähnlich spannend könnte es 2021 werden, liegen SPD und CDU im Bund so nahe beieinander wie selten. Jamaika, Ampel oder am Ende doch die altbewährte GroKo? Während der Rest der Republik mit Spannung die Entwicklung der bald beginnenden Koalitionsverhandlungen erwartet, interessiert die Orakel-Fans vor allem eines: Wird das Orakel von Pinneberg ein weiteres Mal Recht behalten? Dann sollte Olaf Scholz schleunigst die Koffer fürs Kanzleramt packen, konnte doch nach 16 Jahren mit Ralf Stegner erstmals wieder ein Sozialdemokrat die Pinneberger von sich überzeugen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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