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Aufgekehrt
Alexander Weinlein
Neues vom Struwwelpeter

Der Friederich, der Friederich, der war ein arger Wüterich", dichtete Heinrich Hoffmann bereits Mitte des 19. Jahrhunderts in seinem berühmt-berüchtigten "Struwwelpeter". Rund 150 Jahre später gestand Friedrich Merz in einem Interview mit dem "Tagesspiegel" ein, dass er - als Spross einer braven Bürgerfamilie wahrscheinlich bestens vertraut mit dem abschreckenden Struwwelpeter-Vorbild - als Jugendlicher ein ebensolcher Wüterich "mit schulterlangen Haaren" gewesen sei, der mit dem Motorrad durch die Stadt raste, Bier trank, mit dem Rauchen anfing und bei den Mädchen in seiner Klasse kein besonders gutes Standing hatte. Mit einigem Amüsement nahm die Republik im Dezember 2000 die Jugendsünden-Beichte des inzwischen sichtbar Geläuterten zur Kenntnis.

21 Jahre nach den wilden Erzählungen des Friederich macht aktuell ein anderer Star der Struwwelpeter-Pädagogik erneut von sich Reden. Auch vor ihm warnte der olle Hoffmann damals die Kinder schon: "Seht, ihr lieben Kinder, seht, wie's dem Philipp weiter geht! Oben steht es auf dem Bild. Seht! Er schaukelt gar zu wild, bis der Stuhl nach hinten fällt; da ist nichts mehr, was ihn hält..."

Auch den modernen Zappel-Philipp Amthor hat wohl nichts mehr gehalten, als er mit geblitzten 120 Stundenkilometern durch eine 70er-Zone raste. Seht, ihr lieben Kinder seht, wie's dem Philipp weiter geht! Mit 450 Euro Bußgeld und einem Führerscheinentzug für einen Monat, urteilte das Amtsgericht im mecklenburgischen Pasewalk. Bei Heinrich Hoffmann hätte das zwar deutlich hübscher geklungen, aber ob das Urteil pädagogisch wirkmächtiger ist, bleibt abzuwarten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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