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Parlamentarisches Profil
Jan Rübel
Der Vorhersager: Karl Lauterbach

M it Karl Lauterbach redet man über Gesundheit im Allgemeinen und über Corona im Speziellen, nicht wahr? Er kann auch anders: "Die A3 wurde nicht verbreitert", sagt der SPD-Bundestagsabgeordnete, "und dass die A59 anders verlegt wurde, daran haben wir lang gearbeitet. Das hat die Feinstaubbelastung durch Umgehungsstraßen spürbar reduziert." So ist es, wenn man Lauterbach in seinem Wahlkreis Leverkusen-Köln IV erwischt; der 58-Jährige steht vor seinem iPad, als die Zoomverbindung steht. Viel Zeit aber bleibt nicht, weniger wegen der Verkehrsplanung daheim, sondern wegen Veränderungen am Infektionsschutzgesetz, "wir müssen rasch handeln".

Es ist ein Tag mitten in der vierten Welle. Die Inzidenzahlen kennen nur den Weg nach oben, Intensivstationen melden Überbelastungen - Corona hat das Land wieder im Griff. Seit Mai 2020 fährt die Politik auf Sichtweite, "das ist normal, es ist verändert sich ja auch so viel", sagt Lauterbach, "schon morgen kann eine neue Virusvariante auftauchen". Vieles sagte Lauterbach seit Beginn der Pandemie voraus, was später eintrat. Und forderte meist mehr an Maßnahmen, als die Politik beschloss. Überraschte ihn das? "Nein, ich bin eben nicht nur Politiker. Wissenschaftler versuchen Krankheiten zu bekämpfen, wollen möglichst viele Menschenleben retten, während die Politik natürlich mehr Sachzwänge kennt."

Lauterbach ist promovierter Mediziner und Arzt. Der Rheinländer sattelte ein Studium der Public Health mit Schwerpunkt Epidemiologie an der Harvard Medical School auf und ist beurlaubter Leiter des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie an der Uni Köln. Klar, dass er eine prägende Stimme aus der Legislative ist, wenn es um Corona geht; in den Medien wird Lauterbach entweder als "Gesundheitspolitiker" oder "Gesundheitsexperte" zitiert, dabei ist er derzeit nur stellvertretendes Mitglied der Arbeitsgruppe Gesundheit seiner Fraktion. Wie es mit ihm in der sich abzeichnenden Ampel-Koalition weitergeht, ist noch ungewiss. "Ich habe am Koalitionsvertrag bei den Gesundheitsthemen mitgearbeitet - wir haben uns auf progressive Maßnahmen geeinigt, damit können alle drei Parteien gut leben."

Im Bundestag sitzt Lauterbach seit 2005 - immer direkt gewählt, zuletzt mit 45,6 Prozent der Erststimmen und der bundesweit größten Differenz zu den Zweitstimmen. Das war auch nötig: Ihren Lauterbach versteckt die NRW-SPD gern auf hinteren Listenplätzen - er muss seinen Wahlkreis gewinnen. Er stammt aus der Gegend, aus einer Arbeiterfamilie in einem katholisch geprägtem Arbeiterdorf. Trotz sehr guter Grundschulleistungen bekam er nur eine Hauptschulempfehlung. "Es gab damals zu wenige Gymnasialplätze", erinnert er sich, "und die wurden für die Kinder von Akademikern reserviert, die im benachbarten Kernforschungszentrum Jülich arbeiteten." Doch seine Talente fielen den Lehrern auf der Hauptschule auf, sie schickten ihn weiter - erst auf die Realschule, dann auf das Gymnasium. "Ich hatte Glück, dass Lehrer das erkannten. Aber auf Glück darf man sich nicht verlassen." Diese Ungerechtigkeit habe ihn geprägt.

Das Medizinstudium ermöglichte dem Studenten eine Förderung der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung, "dafür bin ich noch heute dankbar". Weitere Stipendien ermöglichten auch den Aufenthalt in den USA, wo er insgesamt zehn Jahre lebte und ihn zunehmend Gerechtigkeitsthemen beschäftigten. "Das lag einerseits an meinen Lehrern, die Theorien dazu entwickelten. Und andererseits an Amerika, wo Gerechtigkeit oft Mangelware ist. Das sah man halt überall." Die Auseinandersetzung mit dieser Thematik habe ihn schließlich weg von der CDU, wo er zwischenzeitlich Mitglied geworden war, und hin zur SPD gebracht. 2001 trat er ein. Und vier Jahre später dann der Einzug in den Bundestag. Sein Handy summt, er muss los. Das Infektionsschutzgesetz ruft.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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