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Gedenktag
Sandra Schmid
Die Lektion des Holocaust

Vor 25 Jahren erklärte Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar zum für die Opfer des Nationalsozialismus

Es ist vor allem die so genannte "Ruck-Rede", mit der der Name Roman Herzogs bis heute eng verknüpft ist. Doch von weitreichenderer historischer Bedeutung ist die Entscheidung des ehemaligen Bundespräsidenten, den 27. Januar als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus einzuführen: Vor 25 Jahren, Anfang Januar 1996, erklärte er den Tag der Befreiung des nationalsozialistischen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch Soldaten der Roten Armee zum Tag des Gedenkens an die Millionen von Menschen, die unter der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten entrechtet, verfolgt und ermordet wurden. 2005 wurde der Tag auch international zum Holocaust-Gedenktag.

Symbolhaft für den Terror der Nationalsozialisten stehe Auschwitz, die Erinnerung daran dürfe nicht enden, erklärte Herzog in seiner Proklamation. "Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken."

Die Idee für die Einführung eines nationalen Gedenktages am 27. Januar stammt aber nicht von Herzog selbst, der von 1994 bis 1999 deutsches Staatsoberhaupt war, sondern vom damaligen Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis. Dieser hatte sich seit 1994 mehrfach dafür ausgesprochen, einen Gedenktag für die Opfer des Holocaust einzuführen. Bubis' Vorschlag, den 27. Januar als nationalen Gedenktag zu begehen, fand unter dem Eindruck der internationalen Gedenkfeiern anlässlich des 50. Jahrestages des Kriegsendes in Europa rasch überparteiliche Unterstützung.

Auf Bitten des Bundestages erklärte Bundespräsident Roman Herzog schließlich am 3. Januar 1996 den 27. Januar zum "Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus". Seither werden als Zeichen der Erinnerung an diesen Tag die Flaggen an öffentlichen Gebäuden auf Halbmast gesetzt. In den Bundesländern erinnern die Landtage in Sondersitzungen mit Gedenkstunden an dieses dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte. In vielen Städten hat sich darüber hinaus eine eigene Erinnerungskultur entwickelt, die unter anderem von Kirchen, Parteien, jüdischen Gemeinden und Schulen getragen wird.

Zeitzeugen berichten Im Zentrum der Feierlichkeiten steht jedoch die Gedenkstunde im Deutschen Bundestag, die zwar nicht in jedem Jahr genau am 27. Januar, aber doch in direkter zeitlicher Nähe zu diesem Datum stattfindet. Nach einer Rede des Bundestagspräsidenten ergreifen ein oder zwei Gastredner im Plenarsaal das Wort. In der Vergangenheit gehörten zu diesen Rednern sowohl die Bundespräsidenten Roman Herzog (1996 und 1999), Johannes Rau (2001), Horst Köhler (2009) und Joachim Gauck (2015) als auch die israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres (2010) und Reuven Rivlin (2020).

Besonders berührend waren stets jene Reden, in denen Zeitzeugen über ihr eigenes Er- und Überleben des Holocausts berichteten: So erinnerte etwa Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel im Jahr 2000 an das Schicksal der Juden, das der ermordeten Kinder und ihrer Mütter. Zoni Weisz rückte 2011 das Leid der Sinti und Roma, den "vergessenen Holocaust", in den Blickpunkt. Der damals 95-jährige Daniil Granin erinnerte 2014 in einer bewegenden Rede an sein Überleben der Blockade von Leningrad, durch die mindestens 800.000 Menschen an Hunger gestorben sind. Anita Lasker-Wallfisch, die Auschwitz als Cellistin im Mädchen-Orchester des Lagers überlebte, berichtete 2018 von ihrer Kindheit, den Demütigungen durch die Nazis und der Deportation der Eltern.

Die Geschichte als Mahnung zu begreifen - bewusst hatte Roman Herzog in seiner ersten Gedenkrede am 19. Januar 1996 erklärt, es gehe darum, "aus der Erinnerung immer wieder lebendige Zukunft" werden zu lassen. "Wir wollen nicht unser Entsetzen konservieren. Wir wollen Lehren ziehen, die auch künftigen Generationen Orientierung sind", so der Bundespräsident. Viele hätten sich damals schuldig gemacht, aber die entscheidende Aufgabe sei es heute, eine Wiederholung zu verhindern. Besonders wichtig sei es, die jungen Menschen zu erreichen und ihren Blick dafür zu schärfen, woran man Rassismus und Totalitarismus erkenne. Im Kampf gegen "das Grundübel des 20. Jahrhunderts" komme es auf eine rechtzeitige "Gegenwehr" an, sagte Herzog und forderte: "Nicht erst aktiv zu werden, wenn sich die Schlinge schon um den eigenen Hals legt. Nicht abwarten, ob die Katastrophe vielleicht ausbleibt, sondern verhindern, dass sie überhaupt eine Chance bekommt, einzutreten."

Knapp zehn Jahre nach Herzogs Proklamation bestimmte die Vollversammlung der Vereinten Nationen am 31. Oktober 2005 den Tag auch zum "International Day of Commemoration in Memory of the Victims of the Holocaust". Denn dieser Tag sei "eine wichtige Mahnung", so formulierte es der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan, "an die universelle Lektion des Holocaust".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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