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Interview
Johanna Metz
»Wunsch und Wirklichkeit klaffen oft weit auseinander«

Der Leiter der Netzwerkstelle der Berliner Jugendberufsagentur, Ralf Jahnke, über falsche Erwartungen, wachsende Anforderungen und neue Berufsfelder

Herr Jahnke, Berlin hat vor acht Jahren die Berliner Jugendberufsagentur ins Leben gerufen, um sicherzustellen, dass die Unternehmen genug Nachwuchskräfte bekommen. Was sind ihre Aufgaben?

Die Jugendberufsagentur unterstützt Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 25 Jahren dabei, die passende Ausbildung oder ein geeignetes Studium zu finden. Mittlerweile haben wir in jedem Bezirk einen Standort mit Expertinnen und Experten der Agenturen für Arbeit, der Jobcenter, der Jugendhilfe und der beruflichen Schulen. Sie informieren über Fachkräftebedarfe, Berufsanforderungen und die Ausgestaltung der Berufsfelder. Wir veranstalten auch Beratungstage, spezielle Teams kümmern sich um den Übergang zu den Berufsschulen. Interessanterweise stellen unsere Berater oft fest, dass Wunsch und Wirklichkeit bei der Berufsorientierung weit auseinanderklaffen.

Inwiefern?

Bei Jugendlichen ist zum Beispiel die Ausbildung zum KfZ-Mechatroniker sehr beliebt. Doch das Berufsbild hat sich aufgrund der E-Mobilität so verändert, dass die Arbeit nicht mehr viel zu hat mit dem Mechaniker, der den ganzen Tag unter dem Auto liegt und schraubt. Ähnlich ist es bei Tischlern. In vielen Berufen, etwa im kaufmännischen Bereich, geht außerdem fast nichts mehr ohne Abitur. Die Bedarfe der Unternehmen passen also oft nicht zur Qualifikation oder dem Bild, das die Jugendlichen von dem Beruf haben. Das ist ein Problem, weil falsche Erwartungen nicht selten zu einem Abbruch der Ausbildung oder des Studiums führen. Dem wollen wir entgegenwirken.

Wie läuft das konkret?

Wir versuchen, Erwartungen und Kompetenzen der Jugendlichen möglichst früh mit den Anforderungen der Unternehmen zusammenzubringen. Als Pädagoge hasse ich den Begriff, aber in der Bildungsökonomie nennt man dieses Verbinden von Angebot und Bedarf "Matchen". Gut geeignet dafür sind Betriebspraktika. Damit können die Jugendlichen notwendiges Handeln und Wissen vor Ort erspüren und entscheiden, ob sie weiter in diese Richtung gehen wollen. Mit der Industrie- und Handelskammer Berlin haben wir außerdem den Talente-Check an Schulen gestartet, eine Art Potenzial-Parcours, bei dem die Jugendlichen ihre Stärken erkennen und erfahren können, wie sie sich am besten auf entsprechende Angebote der Wirtschaft zubewegen. Breit verankert ist inzwischen auch der Berufswahltest bei den Agenturen für Arbeit.

Warum klafft zwischen Angebot und Nachfrage trotzdem eine so große Lücke?

Ein Grund ist, dass es vielen Betrieben nicht gelingt, junge, gut qualifizierte Leute zu halten. Tischlerbetriebe, Firmen für IT-Technik und andere gewinnen wegen der höheren Berufsanforderungen zwar immer mehr Abiturienten. Doch die springen oft ab und gehen doch an die Uni - und wählen dann sogar Studiengänge, die zum Kontext des Konzerns gar nicht passen. Sie setzen ihr Wissen in der Praxis also nie ein.

Welche Gründe gibt es noch?

Imageprobleme zum Beispiel. Es gibt zweijährige Berufe, die auch Jugendlichen mit einfachem Schulabschluss offen stehen. Doch weil die in ihrem Umfeld kein Ansehen genießen, machen sie einen Bogen darum. Fachverkäufer fürs Fleischerhandwerk klingt da nicht so toll, oder Gas-Wasser-Sanitär-Fachmann. Auch Berufe im Pflege- und Gesundheitsbereich sind bei Jugendlichen wenig beliebt. Das Berufseinstiegsalter ist hier oft höher, auch weil die Hemmnisse gegenüber bestimmten körperlichen Pflegeleistungen bei jungen Leuten stärker ausgeprägt sind. Insgesamt muss die Attraktivität bestimmter Ausbildungsberufe dringend erhöht werden.

Was raten Sie Jugendlichen, deren Qualifikation nicht reicht, um die immer höheren Erwartungen der Unternehmen zu erfüllen?

Wenn eine nachträgliche Qualifizierung, ein mittlerer Schulabschluss oder Abitur, nicht in Frage kommt, versuchen wir, sie in die freien Ausbildungsplätze zu lenken. Wir sagen ihnen: Auch wenn das erst mal nicht deinen Vorstellungen entspricht, da kannst du deine Chance ergreifen. Das Problem ist, dass viele Jugendliche oder deren Eltern bestimmte Berufe für minderwertig halten, etwa den der Reinigungsfachkraft. Also beschäftigen sie sich nie damit. Hier müssen wir als Jugendberufsagentur Überzeugungsarbeit leisten, etwa was es logistisch und technologisch bedeutet, als Reinigungskraft voll ausgebildet in der Struktur eines Reinigungsbetriebes zu stehen.

Teilen Sie den Eindruck, dass es gering qualifizierte Jugendliche in der neuen Arbeitswelt immer schwerer haben?

Ja, denn der gesamte duale Ausbildungsmarkt ist heute technologielastig, die Kompetenzanforderungen in den regulären Ausbildungsberufen sind enorm gewachsen. Gerade in Berlin haben Jugendliche mit einfacher Berufsbildungsreife wenig Chancen. Die Stadt ist aufgrund der vielen Tech-Firmen und Start-ups zum Hochqualifizierungsmarkt geworden, zahlreiche Industrieberufe sind weggebrochen. Die Problematik nimmt strukturell weiter zu und die Corona-Pandemie verstärkt sie noch, weil wir viele der betroffenen Jugendlichen nur schwer erreichen.

Die Berufsbilder wandeln sich schnell, immer neue Berufe kommen dazu. Wie soll ein junger Mensch da den Überblick behalten?

Es ist schwierig. Es gibt inzwischen rund 21.000 Studiengänge, viele von ihnen kreisen um die neuen Technologien. Aber leider nehmen dieses Chancenfeld überwiegend Akademiker-Elternhäuser wahr. Das müssen wir ändern, indem wir die Jugendlichen frühzeitig auf ihre Möglichkeiten in diesen Zukunftsbereichen aufmerksam machen.

Was würden Sie Jugendlichen eher raten: Studium oder Ausbildung?

Solche pauschalen Zuweisungen finde ich schwierig. Aus der Bildungsforschung wissen wir, dass Jugendliche, die sich früh beruflich orientieren, engagierter in der Schule sind und ihren Bildungsweg konsequenter verfolgen. Sie erreichen ihre Ziele besser, egal ob im Studium oder der Ausbildung. Wer sich frühzeitig mit seinem Berufswunsch beschäftigt, vermeidet das Risiko eines längeren Bildungsweges und des späten Scheiterns. Das kommt am Ende auch den Unternehmen zugute.

Das Interview führte Johanna Metz

Aus Politik und Zeitgeschichte

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