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Vor 20 Jahren...
Benjamin Stahl
»Projekt 18« unter der Sohle

12.5.2002: FDP stellt erstmals Kanzlerkandidaten Eine übermütige Lachnummer? Ein nicht ganz ernst gemeinter Spaßwahlkampf? Als die FDP am 12. Mai 2002 zum ersten Mal in ihrer Geschichte einen Kanzlerkandidaten kürte, schüttelten nicht wenige ungläubig mit dem Kopf. Gerade einmal ein Jahr war es her, als Parteichef Guido Westerwelle den Vorschlag des nordrhein-westfälischen FDP-Vorsitzenden Jürgen Möllemann, mit einem eigenen Kanzlerkandidaten in die Bundestagswahl 2002 zu gehen, als Übermut abgetan hatte. Nun stand der 40-jährige Westerwelle beim Bundesparteitag in Mannheim auf der Bühne und rief den Delegierten selbst zu: "Ich bitte um Ihren Auftrag, als Kanzlerkandidat der FDP in die Bundestagswahl für Sie zu gehen." Den entsprechenden Antrag brachte der Ehrenvorsitzende Hans-Dietrich Genscher ein. Es sei das gute Recht der Partei, mit einem Kanzlerkandidaten und damit ebenbürtig im Wahlkampf aufzutreten. Natürlich bestehe "auch die Gefahr, dass es nicht klappt" mit der Kanzlerschaft, so Genscher. Das sei der SPD aber schon neunmal, der Union schon fünfmal passiert. Schließlich machte die Partei Westerwelle bei nur zwei Gegenstimmen zum Kanzlerkandidaten.

Der fuhr im Wahlkampf mit seinem gelben "Guido-Mobil" durch die Republik, bewarb sein "Projekt 18" - angelehnt an das ausgerufene FDP-Wunschergebnis - auf Volksfesten oder vor Fast-Food-Restaurants. Während er zum ersten TV-Duell der bundesdeutschen Geschichte zwischen Gerhard Schröder (SPD) und Edmund Stoiber (CSU) nicht geladen wurde, trat er unter anderem bei "Big-Brother" auf. Bei mehreren Gelegenheiten hielt Westerwelle seine Schuhsohlen, in die eine gelbe 18 eingearbeitet war, in Kameras. Am Ende kam die FDP auf 7,4 Prozent.Benjamin Stahl

Aus Politik und Zeitgeschichte

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