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Koloniales ERBE
Silke Wettach
Belgien setzt sich mit den Gräueln der Kolonialzeit auseinander

Die Black-Lives-Matter-Bewegung brachte eine Debatte in Gang. Es bleibt unklar, welche Schritte die Politik unternehmen wird

Ende der 1990er Jahre schrieb der US-Journalist Adam Hochschild einen Bestseller, der in Belgien auf ein geteiltes Echo stieß. Der Historiker schilderte in "Schatten über dem Kongo", wie grausam der belgische König Leopold II. im 19. Jahrhundert in Westafrika agierte, als er ein Gebiet 60 Mal so groß wie Belgien wie seine Privatkolonie behandelte. Leopold II. hatte vorgegeben, die Zivilisation nach Afrika zu bringen und sich als Menschenfreund geriert. Und nun zeichnete Hochschild das Bild eines Tyrannen, der die Menschen im Kongo massakrierte. Alleine zwischen 1885 und 1908 kamen dabei fünf bis acht Millionen Menschen ums Leben, schreibt Hochschild. Insgesamt könnten es zehn Millionen Tote gewesen sein.

Manche belgischen Historiker zweifelten Hochschilds Schilderungen an und witterten eine angelsächsische Kampagne. "Die Kolonialgeschichte ist vorbei", sagte der damalige belgische Ministerpräsident Jean-Lud Dehaene und wollte eine Diskussion gar nicht erst aufkommen lassen. Erst die Demonstrationen der Black-Lives-Matter-Bewegung brachten mehr als zwei Jahrzehnte später eine ernsthafte Debatte über die Gewalttaten der belgischen Kolonialisierung in Gang. Als Reaktion auf die Polizeigewalt in den USA gingen 2020 auch in Belgien Demonstranten auf die Straße. Sie protestierten nicht nur gegen Diskriminierung, sondern forderten auch, die Kolonialgeschichte aufzuarbeiten.

Wie angesehen Leopold II. bis dahin war, zeigten alleine die vielen Statuen in belgischen Städten. "Die Verherrlichung von Leopold II im öffentlichen Raum ist eine Form von symbolischer Gewalt gegenüber den Opfern", sagt der auf Kolonialgeschichte spezialisierte Historiker Benoît Henriet von der Vrije Universiteit Brussel (VUB).

Statue abgebaut Die Stadt Gent beschloss, eine Statue von Leopold II. abzubauen. Ein 14-Jähriger startete eine Petition, damit auch in Brüssel alle Statuen entfernt würden. "In Berlin stehen auch keine Standbilder mehr von Adolph Hitler", sagte er in einem Interview mit der Tageszeitung "De Standaard". Die Demonstrationen führten dazu, dass der belgische König Philippe zum 60. Jahrestag der Unabhängigkeit des Kongos im Juni 2020 erstmals sein "tiefes Bedauern" für die Gewalttaten seines Vorfahren zum Ausdruck brachte. In einem Brief an den Präsidenten der Demokratischen Republik Kongo, entschuldigte er sich für das Leiden der Bevölkerung während der Kolonialzeit.

Ein Sonderausschuss zur Kolonialvergangenheit des Parlaments gab bei Experten einen Bericht in Auftrag, der seit Oktober vorliegt. Die 680 Seiten sollen ein erster Schritt auf dem Weg zur "Wahrheit und Versöhnung" sein, die sich der Ausschuss zum Motto gesetzt hat. Der Vorsitzende, der flämische Grüne Wouter de Vriendt, erhofft sich davon eine breite öffentliche Debatte.

In ihrem Bericht machen die Experten zahlreiche Vorschläge. Am umstrittensten dürften die Reparationen sein, die der Bericht vorsieht für Opfer von kolonialen Missetaten, und zwar nicht nur im Kongo, sondern auch in Ruanda und Burundi. Konkrete Beträge werden allerdings nicht genannt.

Sollte die Politik den Vorschlag übernehmen, dürften Unternehmen, die sich in der Kolonialzeit bereichert haben und somit direkt von der Zwangsarbeit profitiert haben, zu einer finanziellen Entschädigung herangezogen werden. Konkret geht es um Unternehmen, die mit der Produktion von Kautschuk, Baumwolle, Mineralien, Palmöl und Elfenbein Gewinne erzielt haben.

Der Bericht fordert zudem, die Kolonialgeschichte objektiver zu unterrichten und die Darstellung der früheren Kolonien in Museen zu überdenken. Zur Debatte stellen die Experten außerdem Quoten für Bewerber afrikanischer Herkunft im öffentlichen Dienst und auf Wahllisten. Eine weitere Option: Ein Feiertag zum Gedenken an die Opfer der Kolonialisierung. Ein Feiertag könnte freilich ein leeres Symbol werden, der in der Substanz wenig ändert.

Die Nachfahren der Opfer kritisieren, dass die Initiativen unter dem Stichwort "Dekolonialisierung" an der Oberfläche bleiben. "Es ist ein Branding, bei dem der Status quo erhalten bleibt", befürchtet Emma-Lee Amponsah, die an der Universität Gent zum Thema Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit forscht und "Black speaks Back" gegründetet hat, eine Plattform für Jugendliche aus der afrikanischen Diaspora. Andere Vertreter beklagen, dass die Dinge nur langsam in Gang kommen. Die Abgeordneten des Sonderausschusses haben im Dezember ihren Austausch mit der Diaspora fortgesetzt und Vertreter aus dem Kongo und Burundi angehört. Die Experten hatten in ihrem Bericht bereits prognostiziert, dass der Ausschuss einen weiten Weg vor sich habe, der einer langsamen "Bergwanderung" gleiche.

Die Autorin ist Korrespondentin der "Wirtschaftswoche" in Brüssel.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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