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FILM
Katharina Dockhorn
Zwischen Märchen und Tragödie

Kino- und TV-Produktionen über Monarchien sind immer Spiegel des Zeitgeistes - vor allem beim Frauenbild

Völlig verdattert und sprachlos schauen die Gäste eines Pubs in der Nähe von Schloss Sandringham, als Prinzessin Diane, gespielt von Kristen Stewart, zu Beginn des Films "Spencer" nach dem Weg fragt. Wenig später passiert sie ein Feld mit einer Vogelscheuche, die sie an ihre unbeschwerte Kindheit erinnert. Mit unpassenden Absatzschuhen pilgert sie über den Acker. Ihr ist egal, dass sie zum Weihnachts-Treffen der königlichen Familie zu spät kommt. Schon lange fühlt sie sich inmitten der steifen Royals als Außenseiterin. Unter dem unausgesprochenen Konflikt leiden vor allem die beiden Söhne.

Der chilenische Regisseur Pablo Larraín nennt sein mit deutschen Steuergeldern inszeniertes Biopic eine "Märchenfabel nach einer realen Tragödie". Dianas tragisches Schicksal wurde gepaart mit ihren eigenen Geständnissen und den Enthüllungen der Boulevardpresse zur idealen Vorlage für Filmemacher. Der deutsche Regisseur Oliver Hirschbiegel hingegen konzentrierte sich in "Diana" auf ihr humanitäres Engagement der letzten Lebensjahre. Die Tage nach dem Unfalltod schilderte der Brite Stephen Frears in seinem Hit "The Queen". Die emotional kühle Haltung von Elizabeth II. (Helen Mirren) passt zu dem Bild, das Larrain von ihr in "Spencer" entwirft.

Solche modernen Filmproduktionen trugen das Bild der tadellosen Royals endgültig zu Grabe. Aus den Mitgliedern der "Firma" und anderer Königshäuser wurden nahbare Wesen. Vor allem wandelte sich das Bild der Frauen, die lange nur das Anhängsel mit Liebesherzschmerz waren. Heute agieren Film-Prinzessinen und -Königinnen selbstbewusst, mit eigenen Wünschen und Träumen. Oft sind sie auch der ehrgeizige Part hinter einem erfolgreichen Mann.

Daneben hält sich hartnäckig das Image der Märchenprinzessin, die gegen ihre Fesseln rebelliert. Solch einen Ausbruchsversuch dichtet die mitreißende Romanze "A Royal Night - Ein königliches Vergnügen" (2015) der jungen Queen Elizabeth II. an. Als lebenslustige Teenagerin mischt sie sich gemeinsam mit ihrer kleinen Schwester Margaret am 8. Mai 1945 heimlich unter die ausgelassen Feiernden auf den Straßen Londons. Unverkennbar sind die Anleihen am unvergessenen Klassiker "Ein Herz und eine Krone", in dem sich die fiktive Prinzessin Ann (Audrey Hepburn) mit einem Journalisten (Gregory Peck) ins römische Nachtleben stürzt. Er verzichtet auf die Veröffentlichung der bei dem Trip entstandenen Fotos - was sich Diana 40 Jahre später vielleicht gewünscht hat.

Die Love-Story aus dem Jahr 1953 prägte lange das Image königlicher Familien einer vor den Augen der Öffentlichkeit abgeschotteten Welt. In ihrem Fahrwasser entstand die Sissi-Trilogie mit der unvergessenen Romy Schneider als attraktiver "Wildfang von Possenhofen". Ihre Elisabeth litt nach der Heirat mit Franz Joseph unter dem strengen Zeremoniell am Wiener Hof. Die Geschichten um die im goldenen Käfig gefangene Kaiserin lösten einen wahren Hype um ihre Person aus, der bis heute durch die Wiederholungen deutscher Fernsehsender angeheizt wird.

Königin in einer Männerwelt Die Veränderungen im Frauenbild lassen sich an den beiden Porträts der schwedischen Königin Christine ablesen, der letzten Herrscherin der Wasa-Dynastie. Sowohl das amerikanische Biopic "Königin Christine" aus dem Jahre 1934 als auch der 2015 entstandene Kostümfilm "The Girl King" des Finnen Mika Kaurismäki rücken das Behauptungswillen der Königin in einer Männerwelt ins Zentrum. Der Schwarzweißfilm mit Greta Garbo beschränkt sich auf ihr Privatleben, während die moderne Version die Zerrissenheit ihrer Persönlichkeit betont. Die Monarchin liebte das ausschweifende Leben am Hof, das die Staatskasse an den Rand des Ruins brachte, und bemühte sich andererseits um die Verwirklichung von Reformen der Aufklärung.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt "Margrete - Königin des Nordens". Die Dänin einte mit dem Vertrag von Kalmar 1397 die skandinavischen Territorien und beendete die blutigen Gemetzel. Für diesen Erfolg könnte sie einen hohen Preis gezahlt haben, so spekulieren die Macher des opulenten Epos. Um die Union nicht zu gefährden, muss sich Margrete zwischen der Rolle als Herrscherin und ihrem Herzen als Mutter entscheiden: Ein junger Mann behauptet, ihr vor Jahren verstorbener Sohn zu sein, der Opfer eines Komplotts wurde. Sollte sie seinem Anspruch auf die Krone nachgeben, drohen regionale Herrscher mit Aufruhr.

Der Film erinnert an einen der ersten Versuche, die europäischen Völker friedlich zu einen. Dass dies einer Frau gelang, wird in allen skandinavischen Ländern gewürdigt, die heute stolz auf ihre eigenen Königshäuser sind, die eine weibliche Thronfolgerin zulassen. Auch die Finnen fanden nach der Unabhängigkeit von Russland im hessischen Landgraf Friedrich Karl von Hessen einen Monarchen. Er musste 1918 nach nur zwei Monaten im Amt abdanken. Seit Jahren versucht Mika Kaurismäki, einen Film über sein Schicksal zu finanzieren.

Der Deutsche auf dem finnischen Thron war wie viele männliche Herrscher eine prunkvoll gekleidete Marionette, die von ihren Einflüsterern abhängig war. Allen voran die französischen Könige in den unzähligen Verfilmungen der Abenteuer der drei Musketiere. Daneben hält sich auch über die Kunst hartnäckig das Bild des rücksichtslos der eigenen Hybris folgenden Herrschers, der über Leichen geht. Zu ihnen gehört sicher Heinrich VIII., der mit seinen Gemahlinnen alles andere als zimperlich umging.

Raum für künstlerische Fantasie Heinrichs Durchsetzungsfähigkeit erbte seine Tochter als Elizabeth I.: Ihr prominentestes Opfer wurde Halbschwester Maria Stuart. Das Leben der kinderlosen Herrscherin reizt zu Spekulationen, wie sie Roland Emmerich in "Anonymous" anbietet. Er bedient sich in seinem im Studio Babelsberg gedrehten Thriller der Prince-Tudor-Theorie: Der Adlige Edward de Vere ist der Autor der Werke William Shakespeares und Geliebter von Elizabeth. Beide ahnen nicht, dass er ihr Sohn aus einer früheren Affäre ist.

Das englische Königshaus bot stets ausreichend Stoff, um die künstlerische Fantasie zu beflügeln; nur Queen Viktoria blieb bislang weitgehend ausgespart. Zwei Filme widmen sich ihrem Privatleben und packen die Ehe mit Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha in romantische Love-Storys. Viktoria agiert in der Version von 2009 wesentlich selbstbewusster bei der Durchsetzung ihrer Vorstellungen als im Film von 1937, als das Land von einer realen königlichen Liebeskrise erschüttert wurde. Diese Viktoria unterwirft sich ihren Pflichten - im Gegensatz zu Eduard VIII., der für seine Geliebte Wallis Simpson abdankt. Die filmischen Chronisten ließen nie ein gutes Haar an der Amerikanerin.

Eduards Nachfolger Georg VI. brachte in der Öffentlichkeit kein Wort ohne Stottern heraus. Die Überwindung seines Handicaps macht "The King's Speech" zu einem Gleichnis. Mit einer fehlerfrei vorgetragenen Rede macht er seinen Landsleuten Mut, nicht vor den Angriffen der Nazis zu kapitulieren. Diese Ereignisse werden in der Netflix-Serie "The Crown" im Rückblick gestreift. Der Blick durchs Schlüsselloch auf den Alltag von Queen Elizabeth sorgt regelmäßig für Spekulationen um mögliche Klagen der Windsors. Sie seien der Familie nach der Premiere der letzten Staffel von Freunden nahegelegt worden, berichteten britische Medien. Doch selbst wenn die 95-jährige Elizabeth "not amused" sein könnte, wird sie wohl ihr eisernes Schweigen über Privates bewahren.

Friedrich und Ludwig Deutsche Filmemacher sind wesentlich zurückhaltender, die Geschichte der unzähligen Königshäuser auf Bildschirm und Leinwand zu bringen. Mit zwei Ausnahmen: Ludwig II. von Bayern und Friedrich II. von Preußen. Bereits 1896 kam der erste Stummfilm mit dem Titel "Der Alte Fritz" ins Kino. Fortan wurden alle Aspekte im Leben des Königs mit unterschiedlichen ideologischen Ansätzen beleuchtet. Die Nazis versuchten sein Vermächtnis zu vereinnahmen. Später setzten Filmemacher aus beiden Teilen Deutschlands mit seinem Wirken auseinander. Als ein Highlight gilt bis heute die Hochglanzproduktion "Sachsens Glanz und Preußens Gloria" über den Kampf um die Vorherrschaft zwischen dem sächsischen und preußischen Königshaus im 18. Jahrhundert.

Fiktionale Erzählungen rund um den europäischen Adel waren stets Ausdruck des Geschmacks und der Sicht ihrer Entstehungszeit. Dass die Frauen heute verstärkt in den Fokus rücken, ist eine Bereicherung, die auch einen frischen Blick auf die Historie eröffnet.

Die Autorin arbeitet als freie Film-Journalistin in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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