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Forschung

Nachfolger für schwimmendes Labor

Nach der Bewilligung zusätzlicher Mittel ist nun der Weg für den Eisbrecher »Polarstern II« frei

Im Sommer 1991 brach sie auf zu ihrer ersten Reise Richtung Norden: Für den deutschen Forschungseisbrecher "Polarstern" des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) in Bremerhaven war es eine Fahrt in den Nebel der Arktis und ins Ungewisse. Vor September 1991 hatten erst wenige Menschen den Nordpol erreicht. Seitdem sorgt das schwimmende Labor mit internationalen Wissenschaftlern mit seinen Ergebnissen immer wieder für Aufsehen - zuletzt bei der sogenannten Mosaic-Expedition: Festgefroren an einer Eisscholle trieb die "Polarstern" ab Herbst 2019 ein Jahr lang durch die Arktis während die Wissenschaftler an Bord die Auswirkungen des Klimawandels und den Einfluss von Umweltveränderungen auf das arktische Ökosystem erforschten. Die Arktis, die sich noch viel schneller als der Rest der Welt erwärmt, gilt als "Epizentrum der globalen Erwärmung", heißt es aus dem AWI.

Großprojekt für Klimaforschung Die alternde "Polarstern", die vor mehr als 40 Jahren in Kiel und Rendsburg gebaut wurde, soll in fünf Jahren außer Dienst gestellt werden - die Planungen dafür laufen bereits seit einem Jahrzehnt. 2020 wurde ein erster Anlauf zur Vergabe für ein Nachfolger-Schiff abgebrochen, damals war die Rede von Kosten von etwa 500 Millionen Euro. Dann wurden die Anforderungen an Einsatzfähigkeit und Umweltfreundlichkeit noch einmal erweitert. Nun soll der Auftrag für die "Polarstern II" wegen der sich auf mehrere hundert Millionen Euro belaufenden Kosten europaweit ausgeschrieben werden. Für das Vorhaben stehen im Etat 2022 zwei Millionen Euro für Vorlaufkosten zur Verfügung; die Verpflichtungsermächtigungen für die kommenden Jahre in dem betreffenden Haushaltstitel wurden um 890 Millionen Euro erhöht

Von "großer Freude und Erleichterung" sprach Meeresbiologin und AWI-Direktorin Antje Boetius nach der Entscheidung für einen leistungsstarken und nachhaltigen Nachfolgebau: Damit das AWI auch künftig seinen Forschungsauftrag erfüllen könne, brauche es ein Schiff, das unter allen Eisbedingungen einsetzbar sei. Nur so könnten dringend benötigte Beobachtungen und Daten für die "richtigen Entscheidungen" für die Zukunft der Polarregionen, die Lebensvielfalt an Land und im Meer und für kommende Generationen geliefert werden.

Nationale Schlüsseltechnologie Das Wort "europaweit" lesen deutsche Werften allerdings mit wenig Begeisterung. Vor allem die Gewerkschaften im Norden hatten vor der Bereinigungssitzung des Haushaltausschusses dafür plädiert, dass auch die "Polarstern II" "möglichst auf einer norddeutschen Werft" gebaut und die Hängepartie um den Neubau endlich beendet werde. Die IG Metall Küste kritisierte, dass die Regierung Ernst machen müsse mit dem Versprechen aus dem Koalitionsvertrag, den Bau von Forschungsschiffen als nationale Schlüsseltechnologie zu schützen. Interesse angemeldet und ein Werften-Konsortium ins Gespräch gebracht hat bereits die Flensburger Schiffbau-Gesellschaft - weitere werden folgen.Lisa Brüßler

Aus Politik und Zeitgeschichte

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