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Julia Macher
Ansturm auf die Küsten

Die Branche rechnet mit hohen Besucherzahlen in diesem Sommer

Spaniens Hotels freuen sich über Buchungen auf Vor-Pandemie-Niveau, Bars und Restaurants sind proppevoll. "Vor allem die europäischen Touristen kommen massiv wieder", sagt Jorge Marichal, Präsident des größten Hotelverbands CEHAT. Einzig die Preissteigerungen durch den Ukraine-Krieg trüben den Optimismus. Die Hotelpreise liegen teilweise 50 Prozent über dem üblichen Niveau. Dennoch: "Wir rechnen für dieses Jahr mit Besucherzahlen wie 2019", berichtet Marichal. Damals vermeldete Spanien mit 83,7 Millionen Touristen zum siebten Mal in Folge einen Rekord.

Die für Spanien mit 13,2 Prozent der Wirtschaftsleistung so wichtige Tourismus-Branche hat sich erstaunlich schnell vom Pandemie-bedingten Einbruch erholt. Im Frühjahr 2020 lag das öffentliche Leben während des strengen Lockdowns fast sieben Wochen still. Die Hoffnung auf eine Rückkehr der Urlauber im Sommer machten neue Infektionswellen und Mobilitätseinschränkungen zunichte. Um 82 Prozent gingen die Übernachtungen ausländischer Touristen zurück, der Sektor nahm 70 Prozent weniger ein. Spaniens Wirtschaftsleistung sank um 10,8 Prozent - weit mehr als in anderen EU-Staaten. Eine Erholung sei frühestens für 2023 zu erwarten, prognostizierten damals Experten.

Dass es nun doch schneller geht, liegt nicht nur an der neu entfachten Reiselust und der erfolgreichen Impfkampagne, die bereits 2021 zu einem Anstieg auf 31,1 Millionen ausländischer Besucher führte. Teils auf Druck der Tourismus-Lobby hatte Spaniens Linkskoalition das im Frühjahr 2020 aufgelegte Kurzarbeitsprogramm bis Ende März dieses Jahres verlängert. Hotelangestellte, Kellner, Flughafenpersonal konnten so schnell wieder an den Arbeitsplatz zurückgeholt werden. Auch wenn auf den Balearen gerade händeringend nach Fachkräften gesucht wird, ist der Personalmangel in Spanien weniger dramatisch als in anderen Ländern.

Millionenschwere Direkthilfen Mit Hilfspaketen von insgesamt über 719,8 Millionen Euro hat die Regierung die Branche gestützt. Der Löwenanteil, 565 Millionen Euro, wurde nicht als Direkthilfen ausgezahlt, sondern in Form von Krediten - für Digitalisierung und nachhaltigen Umbau der Infrastruktur. Der Rest floss, teils finanziert über den EU-Strukturfonds, an die autonomen Regionen, in Programme, die den Tourismus jenseits von "Sonne und Strand" stärken sollten. Die Diversifizierung des touristischen Portfolios war erklärtes Ziel.

Tatsächlich erlebte der Inlandstourismus im Sommer 2021 einen Boom. Nicht nur Unterkünfte im beliebten grünen Norden, waren laut Dachverband ASETUR zwischen 90 und 100 Prozent ausgelastet. Auch im Landesinnern kletterten die Buchungszahlen auf fast 90 Prozent - teils dank der "Bonos Turísticos", der Gutscheine, mit denen die Regionalregierungen die Binnennachfrage ankurbelten. Noch ist nicht abzusehen, ob aus der Sehnsucht nach Natur und ländlicher Ruhe ein Trend wird. Im Juni sanken die Zahlen wieder leicht.

Von den Digitalisierungsprogrammen verspricht sich vor allem der ländliche Tourismus eine Professionalisierung. Derzeit arbeiten laut ASETUR nur 15 Prozent der "casas rurales" mit Online-Buchungs- und Verwaltungssystemen, angestrebt sind 70 Prozent. Doch bei der Destinationsförderung habe die Verwaltung eine Chance vertan. "Das Geld floss überwiegend an Weltkulturerbe-Städte oder bekannte Ziele wie den Jakobsweg", kritisiert José Manuel Ruiz de Marcos vom ASETUR-Vorstand. Der Jakobsweg etwa wurde mit mehr als 46 Millionen Euro für den nachhaltigen Ausbau bedacht. "Sonne und Strand werden immer Spaniens großes Kapital bleiben", meint Ruiz de Marcos. "Aber es täte dem ganzen Land gut, die Besucherströme besser zu verteilen."

Die Autorin ist freie Korrespondentin in Barcelona.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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