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INTERVIEW
Interview: Sandra Schmid
»Die Deutschen kehren zu alten Mustern zurück«

Nachhaltiges Reisen braucht mehr politische Steuerung, meint Tourismus-Experte Wolfgang Strasdas

Herr Strasdas, nach dem coronabedingten Tourismuseinbruch hofften viele Experten auf einen ökologischen Neustart der Branche.

Tatsächlich zeigen Studien, dass die Pandemie das Nachhaltigkeitsbewusstsein erhöht hat. Teile des Lebensstils, die bislang als unverzichtbar galten, wurden erstmalig wirklich in Frage gestellt.

Die Zahl der Flugreisen spricht eine andere Sprache. Sie liegt fast wieder auf Vor-Corona-Niveau, trotz gestiegener Preise. Ein Widerspruch?

Ja und nein. Die Studien bildeten immer auch eine zweite deutliche Tendenz ab: Viele Befragte gaben an, dass sie nach dem Wegfall der Beschränkungen ihre Reisen sobald wie möglich nachholen wollen. Das sehen wir jetzt. Mehrheitlich kehren die Deutschen zu alten Mustern zurück. Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit bestimmt kaum das Handeln.

Hat Corona gar nichts verändert?

In der Krise haben Reiseveranstalter profitiert, die auch auf nahe Destinationen setzen. Das wirkte sich klimaschonend aus, war aber mehr den Umständen als einem gesteigerten Problembewusstsein geschuldet. Einen gewissen Coronaeffekt sehe ich dennoch: Dass die Deutschen vermehrt Urlaub im eigenen Land gemacht und dabei dessen Reize entdeckt haben, könnte den Anteil der Inlandsreisen auch längerfristig erhöhen. Bislang entfielen darauf nur gut ein Viertel der Urlaubsreisen ab fünf Tagen.

An- und Abreise machen bis zu 90 Prozent des Klimafußabdrucks aus. Heißt das in der Konsequenz: Wer nachhaltig reisen will, darf nicht fliegen?

Die Wahl des Verkehrsmittels macht einen großen Unterschied. Dennoch gilt es je nach Reiseziel zu differenzieren: Innerhalb von Deutschland ist ein Flug tatsächlich unnötig, auch auf vielen Mittelstrecken kann man ohne Probleme vom Flugzeug auf die Bahn umsteigen. Das Hochgeschwindigkeitsnetz in Europa ist groß; innerhalb eines Tages kommt man von Berlin zum Beispiel nach Marseille, nach Mittelengland oder bis nach Stockholm. Auf der Fernstrecke allerdings ist das Flugzeug alternativlos. Solche Reisen sollte man daher weniger oft, dafür mit längerem Aufenthalt planen. Auch durch Direktflüge und die bewusste Wahl der Fluggesellschaft lassen sich Treibhausgas-Emissionen verringern. Der Airline-Index von atmosfair etwa vergleicht die größten Fluggesellschaften hinsichtlich ihrer Klimaeffizienz.

Wie viel bringt es, zusätzlich zum Flugpreis Geld zu spenden, um entstandene Emissionen auszugleichen?

Wenn sich Flugreisen nicht vermeiden lassen, ist eine Kompensation durchaus sinnvoll. Der Anbieter sollte jedoch Klimaschutzprojekte umsetzen, die mit dem "Gold Standard" zertifiziert sind. Leider kompensieren bislang nur wenige Verbraucher ihre Reiseemissionen freiwillig.

Wäre es sinnvoller, wenn Reiseveranstalter Kompensationen einpreisten?

Es gibt nur wenige Unternehmen, die dies bereits freiwillig tun. Die großen Reiseveranstalter gehören nicht dazu.

Bräuchte es mehr politischen Druck?

Ja, und noch effektiver würden höhere CO2-Preise wirken, die fossile Brennstoffe verteuern und Anreize zur Emissionsminderung im Flugverkehr setzen. Bislang sind ehrgeizige Klimaschutzmaßnahmen auf globaler Ebene am Widerstand der Luftverkehrswirtschaft gescheitert. Aber gut möglich, dass die steigenden Energiekosten infolge des Ukrainekriegs wie ein Katalysator wirken und den Wandel beschleunigen.

Zum Schluss: Machen bei der Beherbergung Öko-Labels einen Unterschied?

Wer nachhaltig reisen will, sollte nach Hotels Ausschau halten, die sparsam mit Wasser und Energie umgehen. Dabei können Siegel helfen. Leider gibt es davon eine unübersichtliche Vielzahl. Wir brauchen daher ein glaubwürdiges staatliches Tourismus-Siegel als Dachmarke, das wie das Bio-Siegel im Lebensmittelbereich den Menschen die Orientierung erleichtert.

Die Fragen stellte Sandra Schmid.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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