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STÄDTEREISEN
Denise Schwarz
Hilfe, die Touristen kommen

Hohe Preise, Lärm und Müll: Tourismus muss für vieles herhalten, was in Metropolen schlecht läuft. Doch nicht immer ist er auch Schuld daran

Durch die schmalen Gassen Barcelonas schlendern, am Markusplatz in Venedig einen Espresso trinken oder in Berlin durch die Clubs von Friedrichshain ziehen. Europas Metropolen sind beliebt bei Touristen aus aller Welt. Sie bringen den Städten Geld, schaffen Arbeitsplätze. Doch nicht jeder Bewohner freut sich über die wachsenden Besucherzahlen.

Denn Tourismus verändert Städte. Wo an der Strandpromenade in Barcelona vor Jahren noch einfache Fischerrestaurants standen, locken heute teure Strandcafés. Ganze Stadtviertel wurden "touristifiziert". So nennt sich die Entwicklung "wenn ein Stadtquartier oder ein Straßenzug in zunehmenden Maße und vor allem durch Tourismus geprägt ist", sagt Tim Freytag. Er ist Humangeograph an der Albert-Ludwigs Universität Freiburg und führte 2019 eine Projektstudie zum Tourismus in Barcelona durch.

Was "Touristifizierung" für die Bewohner bedeutet, haben Freytag und sein Team erforscht. In den beliebten Stadtvierteln wie La Barceloneta und El Born klagten viele über Lärm in der Nachbarschaft, hohe Preise oder die wachsende Anonymität in Wohnhäusern durch die Vermietung von Ferienwohnungen.

Nimmt die Touristifizierung überhand und lockt immer mehr Touristen in ein Gebiet, kann dies dazu führen, dass sich Anwohner massiv gestört fühlen. Slogans wie "tourists go home" in den Straßen Barcelonas zeugen von diesem Unmut. Es kommt zum "Overtourism" - also dem "Zuviel" an Tourismus, den ein bestimmter Ort zu einer bestimmten Zeit aufnehmen kann. Ob dieser Zustand erreicht sei, ließe sich laut Freytag quantitativ kaum messen, da es dabei vor allem um subjektive Empfindungen gehe: "Während Anwohner zum Beispiel finden, dass die Grenze des Ertragbaren erreicht ist, könnten sich Gastronomen und Hotelbesitzer am selben Ort noch mehr Tourismus wünschen."

Neuer Städtetourismus Dass Touristen immer weiter in Wohnviertel vordringen, ist ein Trend, der sich laut Freytag seit etwa 10 bis 20 Jahren verstärkt zeigt. Immer mehr Besucher würden nicht mehr nur die klassischen Attraktionen sehen, sondern auch am Leben in den Stadtquartieren teilhaben wollen. "New Urban Tourism" nennt die Wissenschaft das . In Deutschland lässt es sich besonders in Berlin beobachten. Nach London und Paris zählte Berlin gemessen an den Hotelübernachtungen 2018 zu den meistbesuchten Städten in Europa. Besucher interessieren sich nicht mehr nur für touristische Orte wie das Brandenburger Tor oder Checkpoint Charlie, sondern auch für die Szenebezirke. Eine Belastung für die Anwohner. Laut der Tourismus-Akzeptanzumfrage, die Visit Berlin, zuständig für das Tourismusmarketing der Stadt, jedes Jahr durchführt, fühlen sich zwar nur 15 Prozent der Befragten durch Tourismus gestört, dieses Empfinden beziehe sich aber neben dem touristischen Mitte (61 Prozent) vor allem auf das ebenfalls hoch frequentierte Kreuzberg (30 Prozent) sowie Friedrichshain (27 Prozent).

Dass Touristen jedoch alleine verantwortlich sind für überfüllte Plätze, Lärm und Müll ist ein Trugschluss. Eine Wochenendumfrage von Visit Berlin an beliebten Plätzen wie der Warschauer Brücke oder der Kreuzberger Admiralsbrücke ergab laut Geschäftsführer Burkhard Kieker, dass die meisten Menschen dort Berliner und keine Touristen waren.

Stadtentwicklung Tourismus ist für viele Städte ein zweischneidiges Schwert. Zum einen profitieren sie und ihre Bewohner finanziell von den Gästen aus aller Welt. So machte 2019 der Tourismus 6,6 Prozent der Gesamtwirtschaftsleistung Berlins aus und beschäftigte beinahe 228.000 Menschen. Auf der anderen Seite müssen Städte aktiv gegensteuern, um Overtourism zu vermeiden. Die europäischen Tourismusmetropolen fahren dabei unterschiedliche Strategien. So hat beispielsweise Amsterdam entschieden, jährlich nur noch 20 Millionen touristische Übernachtungen zu erlauben. Auch Venedig, das besonders unter Tagestouristen und Kreuzfahrtpassagieren leidet, hat sich für Einschränkungen entschieden: Tagestouristen sollen ab 2023 Eintritt zahlen. Kreuzfahrtschiffe dürfen das historische Zentrum schon seit 2021 nicht mehr passieren. Freytag jedoch hält solche Begrenzungsstrategien für problematisch, da sie die Frage aufwerfen, wer dann noch reisen dürfe und zu einem "hochpreisigen Tourismus" führen könnten.

"Tourismus ist eine Aufgabe der Stadtentwicklung", sagt Christoph Sommer. Nur so könnten die Bedürfnisse von Bewohnern, Wirtschaft und Besuchern vereint werden. Sommer, Teil der Forschungsgruppe zum "New Urban Tourism" der Humboldt-Universität zu Berlin, wirkte gutachterlich an der Berliner Tourismusstrategie mit, die sich für einen stadtverträglichen und nachhaltigen Tourismus ausspricht. Zwar sei in diesem Konzept erkannt worden, dass Tourismus die verschiedenen Bezirke der Stadt sehr unterschiedlich präge, dennoch fehle es bisher an einem funktionierenden Mechanismus, der all diese Bedürfnisse in den Blick nehme. So habe die Stadt beispielsweise immer noch keinen Hotelentwicklungsplan. 151 neue Hotels sind geplant. Ob und wo die Platzierung eines Hotels sinnvoll ist, werde allerdings nicht von zentraler Stelle koordiniert. Laut Sommer ist die Stadtentwicklungspolitik gefragt, damit Tourismus und Wohnen in einer Stadt weiterhin nebeneinander funktionieren.

Causa Airbnb Besonders das Thema Wohnen erhitzt die Gemüter. Zur authentischen Urlaubserfahrung à la "New Urban Tourism" gehöre es laut Freytag, nicht im Hotel, sondern in einer Ferienwohnung zu übernachten. Plattformen wie Airbnb erfüllen diesen Wunsch und vermitteln Zimmer oder Apartments. Wohnungen, die dem städtischen Markt entzogen werden, sagen Kritiker. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung habe die Anzahl an Airbnb-Unterkünften in einem Bezirk außerdem Einfluss auf die dortigen Mieten. Pro Ferienwohnung stiegen diese um durchschnittlich 13 Cent je Quadratmeter.

Um den Markt nicht zusätzlich zu belasten, hat Berlin ein Zweckentfremdungsverbot für Wohnraum eingeführt. Wer nur ein einzelnes Zimmer vermietet, kann dies ohne zeitliche Begrenzung tun, benötigt aber eine Registriernummer. Sollen ganze Wohnungen angeboten werden, braucht es eine Genehmigung. Rund 5.000 Unterkünfte wurden laut Pressestelle der Berliner Senatsverwaltung bisher gemeldet. Die meisten in Mitte, Pankow und Friedrichshain-Kreuzberg. Wie viele illegale Angebote es gibt, könne nicht ermittelt werden.

Airbnb weist den Vorwurf, für den angespannten Wohnungsmarkt verantwortlich zu sein, von sich und hat vom Wirtschafts- und Sozialforschungsinstituts Empirica eine eigene Studie durchführen lassen. Demnach würden Ferienwohnungen lediglich 1,5 Prozent des Wohnraums ausmachen, den Berlin bis 2030 bräuchte, um die Nachfrage zu bedienen. Auch Tim Freytag mahnt, Tourismus nicht für alle negativen Entwicklungen einer Stadt verantwortlich zu machen: "Airbnb ist nicht der Kern des Problems, sondern trägt neben anderen Faktoren nur zum ohnehin angespannten Wohnungsmarkt bei."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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