Inhalt

KreuzfahrtEN
Denise Schwarz
Mit voller Kraft voraus

Trotz scharfer Kritik spürt die Branche weiter Aufwind

362 Meter lang, 18 Decks hoch und Platz für fast 7.000 Passagiere: Mit dem größten Kreuzfahrtschiff der Welt, der "Wonder of the Seas", meldet sich die Kreuzfahrtindustrie nach zwei Jahren Pandemie zurück und blickt aller Kritik zum Trotz positiv in die Zukunft.

Nachdem die Zahl der Kreuzfahrer 2019 laut Clia, dem globalen Dachverband der Kreuzfahrtindustrie, mit rund 30 Millionen Passagieren auf ein Allzeithoch angestiegen war, brachen die Zahlen 2020 um 81 Prozent ein. Nur noch 5,8 Millionen Menschen waren im ersten Jahr der Pandemie auf Kreuzfahrt. Strikte Aus- und Einreiseregelungen sowie zahlreiche Coronainfektionen an Bord brachten die Kreuzfahrtbranche quasi zum Stillstand. Mittlerweile haben viele Länder ihre strikten Reisebeschränkungen gelockert und die Menschen strömen wieder auf die Ozeanriesen. Ende 2023 sollen die Passagierzahlen laut Clia wieder Status quo ante erreichen und bis Ende 2026 sogar zwölf Prozent über denen von 2019 liegen.

Auch die Kreuzfahrtlust der Deutschen ist ungebrochen. Die Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V. ermittelte in der Reiseanalyse 2022, dass für 20 Prozent der Befragten eine Kreuzfahrt in den nächsten drei Jahren in Frage käme oder sicher geplant sei. Damit würde die Kreuzfahrtbranche dort weitermachen, wo sie vor der Pandemie stand. Trotz heftiger Kritik zählte sie zu einer der am schnellsten wachsenden Zweige der Tourismusindustrie.

Niedrige Löhne Rund 1,17 Millionen Menschen waren 2019 weltweit in der Kreuzfahrtindustrie beschäftigt. Dass viele Angestellte unter prekären Bedingungen arbeiten, wird immer wieder stark kritisiert. Laut einer Recherche der Stiftung Warentest aus dem Jahr 2019 stellten Reedereien besonders im Niedriglohnsektor oftmals Menschen aus Indonesien, Indien oder den Philippinen ein. Löhne zwischen drei und fünf US-Dollar pro Stunde seien dabei keine Seltenheit, so eine Sprecherin der Gewerkschaft Verdi. Welches Arbeitsrecht an Bord gilt, hängt davon ab, unter welcher Landesflagge ein Schiff fährt. Da laut Recherche keines unter deutscher Flagge fahre, seien die Reedereien auch nicht zwingend an das deutsche Arbeitsrecht gebunden. Auch mit dem Seearbeitsübereinkommen, das seit 2013 gilt und für alle Reedereien Mindestanforderungen an Arbeitszeit und Löhne festlegt, hat sich die Lage kaum verbessert. Arbeiter dürfen dadurch maximal 14 Stunden am Tag und 72 Stunden die Woche arbeiten.

Auch gegen den Trend zum nachhaltigeren Reisen konnte die Kreuzfahrtindustrie sich bisher behaupten. Obwohl 46 Prozent der Befragten in der Reiseanalyse 2022 angaben, dass ihre Reise möglichst umweltverträglich sein solle, spiele eine gute Umweltbilanz laut Forschungsgemeinschaft für das konkrete Reiseverhalten vermutlich keine Rolle.

CO2-Ausstoß Laut Naturschutzbund stößt ein Kreuzfahrtschiff täglich so viel CO2 aus wie 84.000 Autos. Da die meisten Schiffe auch nicht über passende Adapter verfügen, um mit dem Landstromnetz verbunden zu werden, lassen sie ihre Motoren auch im Hafen laufen. Zwar wolle die Branche laut Clia 2030 die ersten emissionsfreien Schiffe auf den Markt bringen und bis spätestens 2050 klimaneutral sein, doch bis dahin belasten Schweröl und CO2 weiterhin die Umwelt.

Ganz spurlos geht die Pandemie jedoch auch weiterhin nicht an der Kreuzfahrtbranche vorbei. Durch den Wegfall von Aufträgen musste die MV-Werft-Gruppe Anfang des Jahres Insolvenz anmelden. Ihr Standort Warnemünde wird künftig von der Marine genutzt werden. Für die beinahe fertiggestellte "Global Dream II" allerdings konnte kein neuer Investor gefunden werden. Der Ozeanriese für 9.000 Passagiere wird daher wohl noch vor der Jungfernfahrt verschrottet werden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2021 Deutscher Bundestag