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Gastkommentare Pro und Contra: Können wir uns noch leisten zu reisen?

Warteschlangen an Flughäfen, verspätetes Gepäck, horrende Mietwagenpreise: Können Klimaschutz und Tourismus überhaupt in eine vernünftige Balance gebracht werden?

25.07.2022
2023-11-14T09:03:10.3600Z
4 Min

Pro

Eine Frage der Dosis

Foto: Iris Klopper
Michael Pohl
ist Redakteur beim "Redaktionsnetzwerk Deutschland" in Hannover.
Foto: Iris Klopper

Reisen stellt uns in diesem Sommer vor nie geahnte Herausforderungen - Rekordwarteschlangen an Flughäfen, verspätetes Gepäck, horrende Mietwagenpreise, dazu die stets mitschwingende Frage: Was passiert, wenn ich mich im Urlaub mit Corona infiziere? Und überhaupt: Sollte man aus Gründen des Klimaschutzes nicht ohnehin besser aufs Reisen verzichten? Das wäre fatal.

Wer die Welt verstehen will, muss sie selbst erleben. Vorurteile lassen sich am besten vor Ort abbauen. Und mehr noch: Um das eigene Umfeld zu Hause gedanklich durchdringen zu können, ist es unerlässlich, auch andere Gegenden zu kennen. Selbst wenn die Eindrücke im Urlaub oftmals noch so banal sein mögen - wir lernen am meisten von dem, was wir zuvor nie vermisst haben. Ein Verzicht aufs Reisen, wie während der Corona-Shutdowns, verändert Menschen. Und dies nicht zum Positiven.

Die Frage der Stunde muss vielmehr sein, wie Klimaschutz und Tourismus in eine vernünftige Balance zu bringen sind. Gar nicht zu reisen mag eines der wirksameren Mittel gegen den Klimawandel sein. Es würde aber Probleme in anderen Bereichen der Gesellschaft schaffen. Und es wäre - hoffentlich - zumindest in Europa utopisch. Durchsetzen sollte sich vielmehr die Erkenntnis, dass etwa der Wochenendtrip nach New York ganz sicher nicht mit dem Klimaschutz vereinbar ist und dass die Bahn zumindest auf Inlandsstrecken oftmals die sinnvollere Alternative zu Flugzeug und Auto darstellt. Wichtig ist aber auch, selbst bei Fernreisen kein zu schlechtes Gewissen haben zu müssen - es kommt vielmehr auf die Dosierung an. Länger reisen, bewusster, dafür seltener: Diese Formel könnte ein Anfang sein.

Contra

Auf Konsum reduziert

Foto: Dagmar Morath
Waltraud Schwab
ist Redakteurin bei "die tageszeitung" in Berlin.
Foto: Dagmar Morath

Die Schlangen an den Flughafen-Check-Ins sind ein gutes Zeichen. Das Tamtam darüber ist indes das letzte Aufbäumen einer verwöhnten Gesellschaft. Ein Flug nach London - tausend Euro - ein Skandal! Als wäre ein Recht auf billiges Fliegen in Gefahr. Alle fragen: Wie konnte es so weit kommen? Niemand fragt: Warum sollten Flugreisende ein Anrecht darauf haben, keinen klimagerechten Preis zu bezahlen und nicht warten zu müssen? Über die immer länger werdenden Schlangen der Hungrigen vor den Ausgabestellen der Tafeln gibt es keinen Aufschrei. Was ist wichtiger: nicht zu hungern oder nicht fliegen zu können?

Reisen ist dank der Reise-, der Flug-, der Tourismusbranche verkommen. Alles soll billig sein. Das Erlebnis ist reduziert auf blauen Himmel und eine Liege am Strand. Was früher die Schönheit einer Gegend ausgemacht hat, sind nun Ferienanlagen. Der Dreck rechts und links des Hotels wird übersehen. Wie überhaupt der Dreck des Reisens egal ist. Urlaub ist reduziert auf Konsum. Was konsumiert wird, geben Hotelketten und Investmentfonds vor.

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Nein, wir können uns das Reisen nicht mehr leisten. Bevor jemand ein Ticket für eine Pauschalreise kauft, soll er/sie/es eine Prüfung in Wahrnehmung machen. Stellen Sie sich eine Stunde in einen Wald und schreiben Sie dann einen Aufsatz: Was ich im Wald gesehen habe. Stellen Sie sich eine Stunde auf eine Wiese und schreiben dann einen Aufsatz: Was ich auf der Wiese gesehen habe. Der Aufsatz muss zehn Seiten lang sein. Solange Sie keine zehn Seiten schaffen, besteigen Sie kein Flugzeug. Denn erst wenn Sie sehen lernen, kapieren Sie, was im Begriff ist, für immer verloren zu gehen: die Sinnesreise nämlich.