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Aufgekehrt
Alexander Weinlein
Die armen Poeten

Walther von der Vogelweide, Andreas Gryphius, selbstredend Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller, nicht zu vergessen Annette von Droste-Hülshoff, Theodor Fontane, Heinrich Heine oder Nelly Sachs - die Ahnenreihe deutscher Dichter und Lyrikerinnen ist lang und schillernd. Sie habe die deutsche Kulturnation begründet und dem Volk der Dichter und Denker zu Weltruhm verholfen. Und jetzt also der Poesie-Beauftragte (m/w/d) des Bundestages.

Noch ist die Stellenausschreibung nicht abgesegnet, aber das Echo auf den Vorschlag schon um so wortgewaltiger. Dabei könnte sich eingedenk des Befundes, dass die im Plenarsaal vorgetragene Polit-Prosa allzu oft zwischen Tragödie und Komödie - und neuerdings auch Landser-Heftchen - rangiert, selbst der unvergessene Marcel Reich-Ranicki für einen Parlaments-Poeten erwärmen. Solange es nur erotisch wird!

Dabei mangelt es der deutschen Politik ja nicht an Sprachakrobaten. Da wären die Verfasser diverser Hochstapeleien und Plagiate vom Kaliber eines "Felix Krull" und erst kürzlich verpackte der SPD-Abgeordnete Helge Lindh seine Plenarrede gekonnt in einen Studierzimmer-Dialog zwischen einem AfD-Vertreter und Mephisto. Mit Robert Habeck sitzt gar ein echter Schriftsteller auf der Regierungsbank.

Den lyrischen Höhepunkt bildeten aber ohne Zweifel die spät-dadaistischen Werke Edmund Stoibers. Unerreicht bis heute sein "Transrapid": "Wenn Sie ... vom Hauptbahnhof in München ... mit zehn Minuten, ohne, dass Sie am Flughafen noch einchecken müssen, dann starten Sie im Grunde genommen am Flughafen ... am ... am Hauptbahnhof in München starten Sie Ihren Flug." Auf dieses Niveau schafft es kein Bundestags-Poet.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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