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Gastkommentare Werden Inlandspotenziale vernachlässigt? Ein Pro und Contra

Braucht Deutschland ein Fachkräfteeinwanderungsgesetz oder können wir die Lücken auch im Inland füllen? Margaret Heckel und Alisha Mendgen im Pro und Contra.

02.05.2023
2024-02-28T08:52:25.3600Z
3 Min

Pro

Mehr Abschlüsse

Foto: Michael Lüder
Margaret Heckel
ist als freie Journalistin tätig.
Foto: Michael Lüder

Keine Frage, das Fachkräfteeinwanderungsgesetz ist notwendig. Die nächsten Jahre wird sich der demografiebedingte Arbeitermangel verschlimmern. Doch die Konzentration auf Fachkräfteeinwanderung vernachlässigt mindestens drei Gruppen, die schon in Deutschland leben und die freien Arbeitsplätze viel schneller füllen könnten: Frauen, Ältere und junge Erwachsene ohne Berufsabschluss.

Bei Letzteren etwa meldet Deutschland Jahr für Jahr neue Negativrekorde. 2021 waren 17 Prozent der 20- bis 34-Jährigen ohne Berufsabschluss. Das ist knapp jeder Fünfte - und völlig inakzeptabel. Wie kann es sein, dass 2,5 Millionen junger Menschen hierzulande keine Ausbildung haben? Würde nur jeder Vierte davon eine Ausbildung in den Mangelberufen machen, wäre die von den Arbeitsämtern derzeit gemeldete Fachkräftelücke von im Jahresschnitt 630.000 Menschen locker zu füllen. Dummerweise hilft derartiges statistisches Aufrechnen in diesem Fall wenig.

Was dagegen hilft, ist direktes und sehr intensives Mentoring für all die Jugendlichen, die schon in der Schule absehbar Probleme haben. Dazu gibt es viele gute Ehrenamtsprojekte und Menschen, die sich einsetzen. In der Breite jedoch reicht das nicht, sonst würde die Quote Ungelernter seit 2016 nicht Jahr für Jahr ansteigen.

Besser, schneller und wahrscheinlich auch kostengünstiger als die im Koalitionsvertrag geplante Ausbildungsgarantie wäre deshalb ein bundesweites Mentorenprogramm für Jugendliche mit absehbaren Ausbildungsproblemen schon in der Schule. Ältere, die sich dafür begeistern ließen, gibt es genug - allerdings nur, wenn sie die gesellschaftliche Anerkennung bekommen, die ihnen dafür auch gebührt.

Contra

Geht nur begrenzt

Foto: Photothek
Alisha Mendgen
ist Redakteurin beim Redaktionsnetzwerk Deutschland.
Foto: Photothek

Wenn es um mehr Fachkräfteeinwanderung geht, heißt es oft, man müsse nur das Potenzial im Inland ausschöpfen, um das Fachkräfteproblem zu lösen. Gewiss lässt sich immer mehr tun, um Menschen hierzulande in Arbeit zu bringen. Aber: Die Möglichkeiten, das inländische Fachkräftepotenzial zu heben, sind begrenzt.

So ist es eine Mär, dass ein Großteil der Langzeitarbeitslosen 40 Stunden pro Woche arbeiten könnte. Viele von ihnen sind aufgrund privater Herausforderungen oder psychischer Problemen ohne Job. Vorschläge, sie könnten etwa bei der Gepäckabfertigung Vollzeit arbeiten, sind realitätsfern.

Auch ist zu bezweifeln, ob sich das Frauenerwerbspotenzial so umfassend heben lässt, wie nötig. Jede zweite Frau arbeitet in Teilzeit - nicht aus Spaß, sondern weil sie neben einem Job oft noch einen zweiten hat: die Kinderbetreuung. Natürlich müssen die Rahmenbedingungen verbessert werden, damit alle Mütter mehr arbeiten können. Mehr Kitaplätze und Ganztagsbetreuung lösen aber nicht das Problem der sogenannten Care-Arbeit, die vor allem Frauen leisten.

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Ein Hebel wäre, die Qualifizierung junger Menschen zu steigern. Jährlich verlassen etwa 47.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss. In einigen Jahren ist zu prüfen, ob das Weiterbildungsgesetz der Bundesregierung Schulabbrecher besser für den Arbeitsmarkt vorbereitet.

Dagegen wollen schon jetzt Millionen qualifizierter Menschen im Ausland ihr Glück in einem anderen Land versuchen. Doch die Unternehmen, die sie hier anstellen möchten, verzweifeln an der deutschen Bürokratie, und die Ausländer fühlen sich nicht willkommen. Hier liegt großes Potenzial.