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schwarzes meer »In der Tiefe ist kein Leben mehr«

Schon seit Jahrzehnten ist das Ökosystem des Binnenmeeres schwer gestört. Die Anrainerstaaten kennen das Problem, verfolgen aber keine gemeinsame Strategie

06.08.2018
2023-08-30T12:34:33.7200Z
5 Min

Lange Sandstrände, flach abfallendes Wasser, seichter Wellengang bei angenehmen Temperaturen. Das klingt nach Sommerurlaub. Namen wie "Goldstrand" und "Sonnenstrand" lassen paradiesische Bilder vor dem inneren Auge aufsteigen. Doch was, wenn dem Urlauber an der Schwarzmeerküste auch Abfälle und tote Tiere entgegen kommen? Wenn abends unter der Dusche mühsam Öl und Teer von der Fußsohle gekratzt werden müssen?

Das Schwarze Meer ist der Wachstumsmotor für die Wirtschaft der sechs Anrainerstaaten. Rumänien, Bulgarien, die Türkei, Georgien, die Ukraine und Russland grenzen an das Binnenmeer. Die bekannten Urlaubsregionen verzeichnen seit Jahren steigende Besucherzahlen, was aus ökologischer Sicht problematisch ist, wie Simion Nicolaev, Leiter des Meeresforschungsinstituts Grigore Antipa im rumänischen Konstanza, sagt. Konstanza ist eine der wichtigsten Regionen des rumänischen Massentourismus. Rund 1,3 Millionen Menschen reisten 2017 dorthin, 300.000 mehr als noch zwei Jahre zuvor.

Mit der Zahl der Feriengäste steigt zugleich die Umweltbelastung. Der Biologe Dimitar Popov, der für die Organisation Green Balkans arbeitet, bestätigt dies und fügt hinzu: "Auch unsere Studien entlang der benachbarten bulgarischen Küste zeigen, dass der Druck auf das Ökosystem besonders da hoch ist, wo die Touristenorte sind." Dies gelte insbesondere für Treibgut wie Plastik.

Fragiles Ökosystem Schon Anfang der 1990er Jahre warnten Umweltschützer, das fragile Ökosystem des 423.000 Quadratkilometer großen Meeres stehe unter Druck. Verunreinigt durch ungeklärte Abwässer und Öl, überdüngt und überfischt - an dieser Zustandsbeschreibung hat sich rund 25 Jahre später nicht viel geändert.

Auch die Black Sea Commission, die seit 1992 Aktionspläne und Konferenzen anstößt und Aktivitäten für den Meeresschutz in der Region koordinieren soll, brachte keinen Durchbruch. Ihre Wirkkraft ist abhängig von den unterschiedlichen nationalen Prioritäten und Verpflichtungen. Das führt konkret etwa dazu, dass an der einen Küste die an Land gespülten toten Delfine untersucht werden, an einer anderen nicht, dass illegale Müllberge entstehen können und es keine gemeinsamen Untersuchungen der Fischbestände gibt.

Kläranlagen In das Schwarze Meer münden mehr als 300 Flüsse wie die Donau, der Dnjepr und der Don. Allein die Donau spült jeden Tag 4,2 Tonnen Plastik mit. Die Internationalen Kommission zum Schutz der Donau (IKSD) erstellt regelmäßig Analysen zum Zustand des Gewässers und des Donau-Deltas im rumänischen Teil des Schwarzen Meeres. Ein Ergebnis: 70 Prozent des Mülls und der Verunreinigungen stammen von den Anrainerstaaten selbst, der Rest aus den Zuflüssen. "Für die Zeit nach dem EU-Beitritt Rumäniens können wir sagen, dass sich die Wasserqualität durch die Modernisierung der Kläranlagen und den Anschluss der Haushalte daran verbessert hat", sagt Marian Paiu von der rumänischen Umweltschutzorganisation Mare Nostrum. Doch kennt das Meer weder Ländergrenzen noch die EU-Mitgliedschaft.

Nicht nur der Müll ist ein Problem. Bereits in den 1970er Jahren war die Eutrophierung der Ökosysteme, also die Anreicherung durch Nährstoffe wie Nitrate oder Phosphate aus der Industrie und Landwirtschaft in der Nähe von Flussmündungen ein Thema, erklärt der Meeresforscher Arthur Capet von der Universität Lüttich. Getan hat sich wenig: Die IKSD stellte 2016 fest, dass die Belastungen zwar gesunken seien, aber immer noch über den Werten der 1960er Jahre lägen.

Wenig Sauerstoff Schon von Natur aus ist das Binnenmeer sauerstoffarm. Durch die einzige Meerenge am Bosporus strömt wenig frisches Meerwasser ein, mit den großen Flüssen dafür umso mehr Süßwasser. Als Folge bildet sich eine stabile Wasserschichtung: Der obere, aktive Teil enthält sauerstoffreiches Frischwasser, während der ruhende Teil darunter aus dichterem, sauerstoffarmem Salzwasser besteht. Durchmischt wird das Wasser kaum. "Stellenweise gibt es bereits ab 80 Metern Tiefe kein Leben mehr", erklärt Capet. 1955 lag diese Grenze bei 140 Metern Tiefe. "Damit steht den Lebewesen 40 Prozent weniger Lebensraum zur Verfügung, und all der externe Druck muss in dieser schrumpfenden Schicht ausgehalten werden", verdeutlicht der Meeresbiologe die praktischen Konsequenzen.

Herausgefunden hatte er dies mithilfe von Treibbojen, die alle fünf Tage Sauerstoff- und Salzgehalt, Strömungen und Temperatur per Satellit an die Forscher senden. Momentan gibt es nur vier solche Bojen im gesamten Schwarzmeerbecken: "Das ist das absolute Minimum", sagt Capet, "dazu kommt, dass sie nur im offenen Teil des Meeres und nicht in den anfälligen Küstenregionen eingesetzt sind."

Bedrohte Fischarten Wenn eine Kombination von Stressfaktoren wie ein verkleinerter Lebensraum oder eingeschleppte Arten mit Überfischung einhergehen, kann das zum Kollaps beim Fischbestand führen, erklärt Capet. Genau das ist im Schwarzen Meer passiert. Nur sechs der vormals 26 Fischarten lassen sich noch finden. "Die Mehrheit der wirtschaftlich relevanten Fischarten migrieren in ihren Lebenszyklen zwischen verschiedenen Orten, also auch zwischen den Anrainerstaaten", erklärt Nicolaev vom Meeresforschungsinstitut in Konstanza. Gerade dort wären gemeinsame Untersuchungen und ein gemeinsames Fischereimanagement nötig, meint der Forscher und fügt hinzu. "Die am stärksten gefährdeten Arten bleiben der Stör, der Steinbutt und Kleinhaie."

Zusätzlich aus dem Gleichgewicht gerate das Ökosystem durch den Einsatz von Schleppnetzen, die auf dem Meeresgrund für den Fang von Stachelschnecken, Muscheln und dem Steinbutt eingesetzt werden. Dem Schwinden der Fischschwärme fallen auch größere Säugetiere zum Opfer, denn die Nahrungskette zerfällt. Green Balkans beobachtet seit Jahren die Delfine und Schweinswale in bulgarischen Gewässern. Viele der Tiere werden von den Vibrationen der Fanggeräte angezogen, verfangen sich in Netzen und ersticken dann oftmals. 2017 zählte das Meeresinstitut 55 verendete Säuger, 2018 wurden bisher 34 tote Delfine gefunden.

Hilfe aus Deutschland Mit dem Beratungshilfeprogramm unterstützt das Umweltbundesamt (UBA) die Schwarzmeerstaaten. Ziel ist es, die dortigen Umweltverwaltungen zu stärken, Umweltstandards zu heben und Umweltinvestitionen vorzubereiten. In Bulgarien wurde ein Leitfaden für die Entwicklung eines Programms zur Umsetzung der Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie entwickelt, berichtet Aleke Stöfen-O'Brien von der Abteilung Meeresschutz im UBA. Auch zur Überwachung der Gewässer hat die bulgarische Umweltagentur um einen Erfahrungsaustausch mit Laboren in Deutschland gebeten. So soll der Ausbau von Kapazitäten zur chemischen Analyse von Schwermetallen, Pestiziden und Nährstoffen unterstützt werden. "Mit den dabei entstandenen Schulungsmaterialien können weitere Kollegen vor Ort weitergebildet werden", erklärt Stöfen-O'Brien.

Manche Anrainerstaaten setzen bei der Bewertung des Ökosystems auch auf die Hilfe der Bevölkerung: "Jeder Bürger kann mit der Black Sea Watch App oder auf der Webseite ein Foto mit Datum, Zeit und Ort von einer Tier- oder Pflanzenart hochladen, damit so eine Karte vom Ökosystems entsteht", erzählt der Biologe Popov. Allerdings wird von der Möglichkeit nur wenig Gebrauch gemacht. "Es gab rund 100 Einsendungen" sagt Popov und räumt ein: "Wir haben uns mehr Beiträge erhofft." In einem Punkt sind sich alle einig: Ohne abgestimmte Strategie für das Schwarze Meer wird die Diagnose auch in 25 Jahren noch kritisch ausfallen.