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JahresTag
Helmut Stoltenberg
Ein Brennglas deutscher Geschichte

Zentrale Ereignisse der jüngeren Historie sind auf den 9. November gefallen. Kein anderes Datum steht mehr für das Auf und Ab der Demokratie

1848 Erst die Ablehnung der von der deutschen Nationalversammlung angebotenen Kaiserkrone durch Preußens König Friedrich Wilhelm IV. besiegelte im April 1849 endgültig das Scheitern der liberal-demokratischen und nationalen Erhebungen im damaligen Deutschen Bund. Dennoch stand schon der 9. November 1848 für die Niederwerfung der Revolution durch die alten, monarchistischen Mächte: In Wien hatte kaiserlich-österreichisches Militär im Oktober einen Aufstand revolutionärer Kräfte niedergeschlagen, zu denen auch der Demokrat und Paulskirchen-Abgeordnete Robert Blum zählte. Ungeachtet seiner Immunität als Mitglied des ersten gesamtdeutschen Parlaments wurde Blum, der als Abgesandter seiner Fraktion nach Wien gereist war, an diesem 9. November in der Stadt von den Truppen der Gegenrevolution standrechtlich erschossen. In Preußen, der anderen Vormacht im Deutschen Bund, beschloss die Regierung derweil die - dann militärisch erzwungene - Verlegung der dortigen Nationalversammlung von Berlin in die Provinz, wo sie am 5. Dezember aufgelöst wurde.

1918 Dass Deutschland den Ersten Weltkrieg nach mehr als vier Jahren und Millionen Toten auf allen Seiten verloren hatte, war spätestens nach dem Friedensgesuch der Berliner Reichsregierung Anfang Oktober 1918 allgemein offenkundig. Die in der Folge eingeleitete Parlamentarisierung des Deutschen Reiches, mit der die militärische Führung ihre Verantwortung für die Niederlage abwälzen wollte, konnte Forderungen nach einem Thronverzicht von Kaiser Wilhelm II. nicht verhindern. Nachdem Anfang November der Kieler Matrosenaufstand auf immer mehr Städte übergriff, kam es am 9. November auch in Berlin zu Massendemonstrationen. Gegen Mittag verkündete Reichskanzler Max von Baden eigenmächtig die Abdankung des Kaisers, der sich im Großen Hauptquartier im belgischen Spa aufhielt, und übertrug sein Amt dem Vorsitzenden der Mehrheitssozialdemokraten, Friedrich Ebert. Dessen Parteifreund Philipp Scheidemann kam am Nachmittag mit der Ausrufung der ersten "deutschen Republik" vom Reichstagsgebäude aus dem Linksrevolutionär Karl Liebknecht zuvor, der vom Berliner Stadtschloss aus "die freie sozialistische Republik Deutschland" proklamierte. Noch sollten dem Land Monate blutiger Revolutionswirren bevorstehen, doch die Monarchie in Deutschland gehörte der Vergangenheit an.

1923 In direktem Zusammenhang mit der Novemberrevolution stand am Abend des 8. November 1923 eine Versammlung reaktionärer und nationalistischer Kräfte um den bayerischen Generalstaatskommissar Gustav Ritter von Kahr, die sich zum fünften Jahrestages des Umbruchs von 1918 im Münchner Bürgerbräukeller eingefunden hatten. Handstreichartig nutzte der Parteiführer der NSDAP, Adolf Hitler, diese Zusammenkunft, um die "Nationale Revolution" mit sich selbst an der Spitze auszurufen. Am Mittag des 9. November fand der "Hitler-Putsch" indes ein rasches Ende, als vor der Feldherrnhalle Schüsse der bayerischen Polizei den Marsch der Umstürzler stoppten. Hitler wurde zu fünf Festungshaft verurteilt, doch noch 1924 begnadigt.

1938 Nach ihrer "Machtergreifung" 1933 zelebrierten die Nationalsozialisten alljährlich die Erinnerung an den Putschversuch. 1938 gab dabei ihr Propagandaminister Joseph Goebbels das Startzeichen zur Pogromnacht vom 9. auf den 10. November, in der in ganz Deutschland Synagogen in Flammen aufgingen. Tausende jüdischer Geschäfte wurden zerstört, Wohnungen verwüstet, Juden misshandelt, mehr als 90 Menschen im Lauf der Pogrome getötet. Dem später als "Reichskristallnacht" verharmlosten Gewaltexzess vorausgegangen war zwei Tage zuvor ein Attentat des 17-jährigen Juden Herzel Grynszpan auf den deutschen Legationssekretär Ernst vom Rath in Paris, eine Reaktion auf die vorherige Deportation polnischer Juden, darunter die Eltern Grynszpans. Noch am 7. November kam es daraufhin zu ersten Übergriffen, etwa auf die Synagoge in Kassel, weitere Ausschreitungen folgten am nächsten Tag. Nachdem am 9. November das Attentatsopfer seinen Verletzungen erlegen war, kündigte Goebbels in München weitere Ausbrüche des angeblichen "Volkszorns" an, die die Partei nicht behindern werde. Telefonisch wurden Anweisungen erteilt; erstmals seit 1934 hatte die SA wieder freie Bahn, wobei sich auch andere NS-Organisationen an den Terrorakten beteiligten. Mehr als 25.000 jüdische Männer wurden in der Folge verhaftet und landeten in Konzentrationslagern; der Großteil kam erst nach Auswanderungserklärungen frei. Allein in Dachau starben binnen kurzem fast 200 der eingelieferten Juden. An den Ausschreitungen hatte sich zwar nur ein kleiner Teil der nichtjüdischen Deutschen beteiligt, doch stellten sich auch nur wenige an die Seite ihrer jüdischen Mitbürger: Deutschland marschierte in das unvorstellbare Verbrechen des Holocaust.

1989 Ihren 40. Gründungstag konnte die DDR am 7. Oktober 1989 noch feiern, mit dem sowjetischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow als Ehrengast, dessen "Glastnost"- und "Perestrojika"-Polik den Rahmen für die Umwälzungen im kommunistischen Ostblock Ende der 1980er Jahre bildete. Während sich vor allem in Polen mit der zunächst oppositionellen Solidarnosc der Freiheitswillen artikulierte und dann Ungarn den eisernen Vorhang zerschnitt, beharrten die SED-Machthaber um Erich Honecker auf ihrer Ablehnung jeglicher Reformen. Doch der Druck der Bevölkerung nahm immer mehr zu: durch die stetig wachsende Zahl derer, die vor den Zuständen in der DDR in den Westen flohen, und durch die ebenso steigende Zahl derer, die gegen die Zustände in der DDR auf die Straße gingen. Das war gefährlich, wie die Niederschlagung des Volksaufstands auf dem Tiananmenplatz in Peking Anfang Juni zeigte. Nachdem am 9. Oktober in Leipzig mindestens 70.000 Menschen für Reformen demonstrierten, ohne dass Stasi und Volkspolizei einschritten, waren Honeckers Tage an der Spitze von Staat und Partei gezählt. Als die zu Reformen genötigte SED sich zu Reisefreiheit durchrang, terminierte ein Funktionär am 9. November das für den folgenden Tag geplante Inkrafttreten der Neuregelung vor der Presse irrtümlich auf "sofort, unverzüglich". Noch am Abend machten sich die Menschen in Ost-Berlin auf zur Grenze, deren Schlagbäume sich ab 23.30 Uhr öffneten: Die Mauer war gefallen, Deutschland auf dem Weg zur Einheit.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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