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Ortstermin: Ausstellung »vom Schloss zum Parlament«
Lisa Brüßler
Anteil am Zusammenwachsen der Nation

Ausstellungen in Corona-Zeiten haben es nicht leicht - es sei denn, sie finden als Freiluft-Version statt. Genau das ist der Gedanke der Ausstellung "Vom Schloss zum Parlament" an der Spreeseite des Berliner Paul-Löbe-Hauses. In acht großformatigen Transparenten mit QR-Codes, die Betrachter an den Fensterscheiben auf ihren mobilen Geräten mit weitergehenden Informationen versorgen, soll die ambivalente Stellung des Parlaments im Kaiserreich und der Einfluss des Deutschen Reichstages auf das nationale Selbstverständnis verdeutlicht werden. Dargestellt werden Schlüsselereignisse auf dem Weg zur Konstituierung des Reichstages, Wirkungsstätten des Parlaments sowie prägende Persönlichkeiten und Debatten der Politik.

Der Anlass: Vor 150 Jahren, am 21. März 1871 um 13 Uhr, trat der erste gesamtdeutsche Reichstag in Berlin zusammen - in Anwesenheit Kaiser Wilhelms I. im Thronsaal des Berliner Schlosses. Anschließend, um 15 Uhr, folgt die erste Sitzung des Parlaments im Preußischen Abgeordnetenhaus. Zwei Tage später wurde Eduard Simson (1810-1899) zum ersten Reichstagspräsidenten gewählt.

Simson, das zeigt die Ausstellung anhand von Zeichnungen des Erfurter Comic-Künstlers Simon Schwartz, ist eine der wegweisenden Persönlichkeiten für den jungen deutschen Parlamentarismus. Geboren in Königsberg als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie, erfahren die Betrachter in der kurzen Graphic Novel von einer Reise nach Paris im Jahr 1830, seiner Erhebung in den Adelsstand und seinem Ringen um Parlament und Nation: Von der Paulskirche 1848 bis zur Reichsgründung 1871 gab es kein Parlament von Bedeutung, dem er nicht als Präsident vorstand. Der Reichstag sei Teil unserer Parlaments- und Traditionsgeschichte mit allen Unvollkommenheiten, betonte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) zur Eröffnung der Ausstellung. "Die Reichsgründung 1871 brachte zwar den von vielen ersehnten Nationalstaat, die Einheit. Unerfüllt blieben dagegen die freiheitlichen Träume, für die über Jahrzehnte gekämpft worden war", sagte Schäuble weiter. Die Parlamentarier hätten ihren Anteil am Zusammenwachsen der Nation gehabt. "Ein im Wortsinne selbstbewusstes Parlament weiß um seine Geschichte, und es hält das Bewusstsein dafür wach, dass das, was uns heute so selbstverständlich scheint, erst durchgesetzt werden musste", erinnerte der Bundestagspräsident.

Die Ausstellung verweist mit historischen Aufnahmen auch auf die räumlichen Veränderungen des Parlaments. Fanden die ersten Sitzungen noch in den beengten Räumen des Preußischen Abgeordnetenhauses statt, tagte der Reichstag ab Herbst 1871 23 Jahre lang in der umfunktionierten Königlichen Porzellan-Manufaktur in der Leipziger Straße. Bereits im April 1871 erklärten die Parlamentarier die Errichtung eines "der Vertretung des deutschen Volkes würdigen Reichstagshauses" zu einem dringenden Bedürfnis. Doch erst 1894 bezog der Reichstag dann den von Paul Wallot entworfenen Bau.Lisa Brüßler

Aus Politik und Zeitgeschichte

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