Vor 60 Jahren : Eklat zwischen Lübke und Erhard
Beim Neujahrsempfang am 4. Januar 1966 kritisiert Bundespräsident Heinrich Lübke die schwarz-gelbe Regierung. Bundeskanzler Erhard lässt dies nicht unkommentiert.
Es war ein Eklat mit Ansage beim Neujahrsempfang des Bundespräsidenten am 4. Januar 1966 in dessen Bonner Amtssitz, der Villa Hammerschmidt. Da bezweifelte Präsident Heinrich Lübke vor der versammelten Bundesregierung, dass die kleine Koalition die großen Probleme der Zeit lösen könne - und brachte ein Bündnis aus Union und SPD ins Spiel.
Bundespräsident Heinrich Lübke (l.) begrüßt beim Neujahrsempfang in der Villa Hammerschmidt den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Gebhard Müller (m.), und Vizepräsident Friedrich Wilhelm Wagner.
Erst nach der Bundestagswahl im Herbst 1965 war es zu einer Neuauflage einer schwarz-gelben Regierung unter Kanzler Ludwig Erhard (CDU) gekommen. Der ließ Lübkes Worte auf dem Empfang nicht unkommentiert. Seine Regierung aus Union und FDP habe "einen klaren Auftrag des deutschen Wählers erhalten", betonte er. "Ich kann es nicht zulassen, dass in der Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, als sei diese Koalition bereits zusammengebrochen und als sei es wünschenswert, sie abzulösen."
Im Oktober 1966 zerbricht die schwarz-gelbe Regierung über einem Haushaltsstreit
Lübke hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er ein Befürworter einer Großen Koalition war. Zuletzt hatte er das Ende 1965 in einem Interview deutlich gemacht: Es gebe mit der Finanzreform oder der Notstandsgesetzgebung Themen, "die nur gemeinsam von allen politischen Kräften angepackt werden können".
Eine Woche nach dem Empfang sah es so aus, als liege Schwarz-Rot in weiter Ferne: Einstimmig sprach sich der Vorstand der Unionsfraktion gegen eine Große Koalition aus. Doch im Oktober 1966 zerbrach die schwarz-gelbe Regierung über einen Haushaltsstreit. Erhard trat zurück. Kurt Georg Kiesinger (CDU) wurde Kanzler der ersten Großen Koalition.
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