Inhalt

EDITORIAL
Alexander Heinrich
Jünger und weiblicher

Endpunkt eines wechselhaften Wahlkampf-Jahres mit vielen Wendepunkten: Die Union musste bei der Bundestagswahl am 26. September ohne den gewohnten Kanzlerinnen-Bonus starke Verluste hinnehmen. Die Sozialdemokraten können sich über Zugewinne freuen, mit denen noch vor wenigen Monaten kaum zu rechnen war. Zusammen kommen Union und SPD auf nur rund 50 Prozent der Wählerstimmen - so viel wie bereits vor vier Jahren und zu wenig für den Anspruch von Volksparteien.

Auf der anderen Seite stehen Zugewinne insbesondere bei den Grünen und bei der FDP, die beide auffallend deutlich bei Jung- und Erstwählern punkten konnten. Die AfD schneidet schlechter im Vergleich zur Wahl 2017 ab, gewann andererseits in Sachsen und Thüringen Direktmandate hinzu. Denkbar knapp das Abschneiden der Linken, die an der Fünf-Prozent-Hürde scheiternd nur dank dreier gewonnener Direktmandate den Einzug in den Bundestag schafft.

Jünger und weiblicher: Auch dafür steht das neu gewählte Parlament. Der Frauenanteil unter den Gewählten ist mit knapp 35 Prozent nach nur 31 Prozent in der letzten Legislaturperiode wieder gewachsen. Der Altersdurchschnitt ist um fast zwei Jahre auf 47,5 Jahre gesunken, der Bundestag ist so jung wie lange nicht. Jeder fünfte Abgeordnete ist unter 40, bei den Neugewählten ist es sogar jeder vierte.

Mit Spannung erwartet wird nun, in welcher Konstellation sich eine neue Koalition bildet: Als wahrscheinlich gilt ein Dreierbündnis aus SPD, Grünen und FDP, auch die Union steht für ein Bündnis mit Grünen und Liberalen bereit. Rechnerisch möglich, aber politisch kaum noch gewollt ist die große Koalition.

Unabhängig von der Frage der Regierungsbildung zeichnet sich eine Herausforderung für die kommenden vier Jahre ab: Die von vielen Seiten befürchtete sehr starke Vergrößerung des Parlaments durch Überhang- und Ausgleichsmandate ist nicht eingetreten. Dennoch ist dieser Bundestag mit 735 Abgeordneten der größte aller Wahlperioden und weit entfernt von den eigentlich 598 vorgesehenen Mandaten. Aufgabe für die 20. Wahlperiode bleibt, wozu Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) in der 19. und Vorgänger Norbert Lammert (CDU) in der 18. aufgerufen haben: Eine Verständigung auf eine Wahlrechtsreform, die ein weiteres Anwachsen das Parlaments wirksam und zuverlässig begrenzt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2021 Deutscher Bundestag