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Großer ZAPFENSTREICH
Alexander Weinlein
Zwischen Landsknechten, Deep Purple und »Band of Brothers«

Das militärische Zeremoniell schaut auf eine lange Tradition zurück. Nicht bei allen stößt es auf Sympathie

Oberstabsfeldwebel Jens Burdinski und Oberfeldarzt Katharina Siegl fallen an diesem Abend schon optisch aus dem Rahmen vor dem Reichstagsgebäude. Nicht im Dienstanzug wie alle anderen Soldaten des Großen Zapfenstreichs, sondern im Flecktarnanzug sind die beiden Afghanistan-Veteranen stellvertretend für ihre rund 93.000 Kameraden, die in den vergangenen 20 Jahren in Afghanistan im Einsatz waren. Es ist nicht die einzige und bewusste Abweichung vom sonst üblichen Protokoll beim höchsten und feierlichsten Zeremoniell der Bundeswehr.

Geehrt werden mit dem militärischen Zeremoniell normalerweise scheidende Bundespräsidenten, Bundeskanzler, Verteidigungsminister und Generale der Bundeswehr. Mitunter findet er auch im Zusammenhang mit wichtigen Jubiläen oder öffentlichen Gelöbnisse statt. Doch an diesem ehren die deutschen Streitkräfte die Veteranen jenes Einsatzes, der das Bild und das Selbstverständnis der Truppe wie kein anderer Auslandseinsatz verändert und geprägt hat. Das hat auch Auswirkungen auf jene Musikstücke, die während der Serenade gespielt werden.

Bei der Verabschiedung von Präsidenten, Kanzlern, Ministern und Generalen dürfen sie sich drei Stücke frei wünschen. Und so sind bei einem Großen Zapfenstreich neben dem obligatorischen "Yorckschen Marsch", komponiert 1809 von Ludwig van Beethoven, und der Nationalhymne zum Abschluss eben auch ganz zivile und moderne Musikstücke: Wie etwa "Über sieben Brücken musst Du gehen" von Karat für Bundespräsident Joachim Gauck oder "Wind of Change" der Scorpions für Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Und bevor es sich Karl Theodor zu Guttenberg 2011 ausdrücklich für seine Verabschiedung wünschte, hat außer dem Musikkorps der Bundeswehr wahrscheinlich noch keine anderes Musikkorps "Smoke on the Water" von der Hardrock-Gruppe Deep Purple gespielt.

Für Burdinski, Siegl und die 93.000 anderen Afghanistanveteranen spielte das Musikkorps in der vergangenen Woche den "Marsch der I. Bataillon Garde", seit 20 Jahren der Marsch des Einsatzführungskommandos, den Marsch "Viribus Unitis" (Vereinte Kräfte) von Johann Strauss' Sohn, der traditionell bei Veranstaltungen der ISAF gespielt wurde, und die Filmmusik der Fernsehserie "Band of Brothers" von Michael Kamen. Diese Musikwahl verrät einiges über das geänderte Selbstverständnis der Bundeswehr. Die Serie schildert die Erlebnisse US-amerikanischer Fallschirmjäger während des Zweiten Weltkriegs in Europa.

Was Burdinski und Siegl beim Hören der Musikstücke durch den Kopf ging, war an ihren Gesichtern nicht abzulesen. Bundeswehrärztin Siegl blickt auf drei Einsätze am Hindukusch zurück und der Panzergrenadier Burdinsky verbrachte insgesamt 1.700 Tage im Afghanistan-Einsatz. Gemeinsam erlebten sie 2011 ein Gefecht, bei dem ein Schützenpanzer auf eine Sprengfalle fuhr. Dabei kam der Oberstabsgefreite Alexej Kobelew ums Leben - einer von 59 Bundeswehrsoldaten, die während ihres Einsatzes in Afghanistan starben.

Lange Tradition Der Große Zapfenstreich blickt auf eine lange Tradition zurück, die bis ins 16. Jahrhundert reicht. Damals war es Brauch, dass der sogenannte Profos, der die Gerichtsbarkeit in den Söldnerheeren innehatte, abends den Ausschank in den Wirtshäusern beendete. Mit seinem Säbel strich er die Zapfhähne der Bier- und Weinfässer. Zugleich riefen Trommler und Pfeifer die Landsknechte zur Nachtruhe ins Feldlager. In seiner heutigen Form entstand der Großen Zapfenstreich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts während der Befreiungskriege gegen das napoleonische Frankreich in der preußischen Armee. Auch während des Nationalsozialismus war er Bestandteil des militärischen Zeremoniells der Wehrmacht. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen später sowohl die Bundeswehr als auch die Nationale Volksarmee der DDR das Zeremoniell.

Kritik Im Selbstverständnis der Bundeswehr soll der Große Zapfenstreich den Zusammenhalt in der Truppe selbst, aber auch die Verbundenheit von Bundeswehr und Bevölkerung stärken. Dies gelingt jedoch nur bedingt. In der politisch linken Szene werden militärische Auftritte in der Öffentlichkeit prinzipiell kritisch beäugt. So gehörten in der Vergangenheit Gegendemonstrationen, gellende Pfeifkonzerte und Flitzer-Aktionen traditionell schon zum Zeremoniell dazu. So ließ auch in der vergangenen Woche die Kritik am Großen Zapfenstreich nicht lange auf sich warten. Der ZDF-Satiriker Jan Böhmermann schrieb auf Twitter, er "finde Fackelmärsche von Uniformierten vorm Reichstag richtig, richtig scheiße. Egal, aus welchem Anlass." Und der frühere Bundestagsabgeordnete Hans Christian Ströbele (Grüne) sieht darin ein "militaristisches Ritual aus NS-Zeit und Preußen".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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