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Ortstermin: Ausstellung zu Seuchen in Hildesheim
Denise Schwarz
Von Pocken, Pest und Polio

Dicht gedrängt stehen bis zu 500 Studenten auf den Rängen. Sie alle blicken in die Mitte des Raumes, wo jeden Moment der Seziertisch aus dem Kellergewölbe nach oben gefahren wird. Nur von Kerzenlicht beleuchtet, setzt ein Professor das Skalpell an und beginnt den Leichnam zu sezieren. Im 16. Jahrhundert lernten Studenten so im anatomischen Theater von Padua die Anatomie des Menschen kennen. Eine Nachbildung des Theaters können Besucher nun in Hildesheim begehen. Wo ursprünglich der Seziertisch stand, lädt ein Bildschirm dazu ein, sich per virtueller Sektion mit dem menschlichen Körper vertraut zu machen. Diesen bedeutenden Ort der Medizingeschichte hat das Roemer-Pelizaeus Museum für die Ausstellung "Seuchen. Fluch der Vergangenheit - Bedrohung der Zukunft" zu neuem Leben erweckt.

Von den ersten medizinischen Erklärungsversuchen im alten Ägypten bis hin zur modernen Impfstoffentwicklung: In 30 Stationen nimmt die Ausstellung ihre Besucher mit auf einen Streifzug durch die Jahrhunderte. Krankheiten wie Pocken, die Pest oder Polio haben ganze Generationen geprägt. Anhand von Exponaten wie einer Eisernen Lunge oder Robert Kochs Tuberkulin zeichnet die Ausstellung Ursache, Symptome und Bekämpfung von Seuchen nach. Neben dieser medizinischen nimmt sie auch die kulturhistorische Perspektive in den Fokus. Schutzheilige oder Kunstwerke zeugen beispielsweise von der Hilflosigkeit der Menschen im Pestzeitalter. "Die Vielfalt der Ausstellungsstücke und die Kombination aus Kunst und Medizin sind weltweit einmalig", sagt Kurator Oliver Gauert.

Auch das Corona-Virus hat seinen Weg in die Ausstellung gefunden. Etwas abseits der restlichen Ausstellung haben die Restauratoren eine Intensivstation nachgebaut, samt Dummy mit Beatmungsschlauch. Angesichts der aktuellen Infektionslage ein bedrückender Anblick. Ob es gerade in dieser Zeit eine Ausstellung über Seuchen brauche, haben die Verantwortlichen im Vorfeld diskutiert. Laut Gauert ist es genau der richtige Zeitpunkt für eine solche Ausstellung: "Infektionskrankheiten sind schon jetzt die größte Bedrohung für die Menschheit nach dem Klimawandel". Dies sei bisher jedoch nur bei wenigen angekommen. Gleichzeitig zeige die Ausstellung, dass Krankheiten auch immer einen Innovationsdruck auslösen und dadurch zum Fortschritt der Medizin beitragen. Eine Vitrine mit den zugelassenen Corona-Impfstoffen erinnert an die jüngsten Fortschritte in der Pandemie.

Ursprünglich sollte die Ausstellung nach dreijähriger Planung schon Anfang des Jahres starten. Ausgerechnet ein Virus verhinderte dies. Geschlossene Grenzen, Museumsmitarbeiter in Kurzarbeit und Materialmangel waren eine Herausforderung. "Beim anatomischen Theater von Padua hatten wir Glück. Unsere Arbeit wurde gerade noch beendet, danach mussten verschiedene Aufträge abgelehnt oder verschoben werden", so Gauert.Denise Schwarz

Die Ausstellung im Roemer-Pelizaeus Museum läuft noch bis Ende April 2022. Weitere Informationen finden sich auf der Website: https://www.seuchen-ausstellung.de/.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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